© 2016 Hartmut Altz
Wir waren zu viert. Hein mein bester Freund, Emil ein nicht ganz so guter, aber dennoch guter Freund und Adam, den wir ab und an den Zeugen
nannten, weil er bei den Zeugen Jehovas war. Adam durfte keine Blutwurst essen und auch nicht Weihnachten feiern, wenn wir alle anderen Weihnachten
feierten. Das Schlimmste bei den Zeugen war jedoch, dass er noch nicht einmal seinen Geburtstag feiern durfte. Nicht an dem Tag, an dem er geboren wurde.
Ich wollte es nicht glauben, aber er schwor mir, dass das die reine Wahrheit sei. Geschenke gebe es dafür an einem anderen Tag. Na, Hauptsache war, dass er
zu seinen Geschenken kam. Eigenartig und seltsam fand ich das aber schon. Und Emil und Hein nicht weniger. Dennoch war Adam ein Freund von uns. Auch wenn
er zu dieser merkwürdigen und absonderlichen Glaubensgemeinschaft gehörte.
Und dann war da noch Lina.
Sie wohnte mit ihrer um drei Jahre jüngeren Schwester Carla und ihren Eltern im Reihenhaus neben uns.
Ich war im Frühjahr mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder aus unserem alten Viertel weggezogen. Mutter hatte sich immer ein Häuschen mit Garten
gewünscht. Nun hatte sie es bekommen. Hein, Emil und Adam wohnten noch im alten Viertel. Aber wir waren auch nicht allzu weit weggezogen. Mein neues
Zuhause lag praktisch nur auf der anderen Seite des kleinen Parks, der die beiden Viertel voneinander trennte. Und ich ging auch nach wie vor mit Hein und
Emil auf dieselbe Schule. Nur Adam hing noch auf der Grundschule herum.
Lina war elf und im selben Jahr und Monat geboren wie Hein. Und sie gingen auch in dieselbe Klasse. Nur, dass Lina am zwanzigsten und Hein am achten März
Geburtstag hat. Emil war zwölf wie ich. Und Adam war kurz vor den Sommerferien im Juni zehn geworden.
Lina hatte lange braune geflochtene Zöpfe, ein lustiges Gesicht und war fast so groß wie ich. Sie konnte wie ein Junge fluchen und ich hatte sie noch nie
anders gesehen, als in Jeans, dunkelblauen T-Shirts und Turnschuhen.
Bei ihr konnte man vergessen, dass sie ein Mädchen war. Doch die Jungs hatten trotzdem ihre Bedenken. Ein Mädchen würde nur stören, meinte Emil. Und Hein
fragte, was wir wohl tun würden, wenn sie nachts plötzlich Heimweh bekäme und wieder nach Hause wolle. Ich sagte, dass Lina ganz in Ordnung sei und wir ihr
eine Chance geben sollten. Die Jungs murrten zwar, aber nach einigem Hin und Her waren sie dann doch einverstanden das Lina mit kam.
Wir waren also eigentlich zu fünft.
Emils Onkel Daniel hatte sich einen Garten mit Holzhütte im letzten Jahr gekauft, der ein gutes Stück weit draußen vor der Stadt lag. In dem Garten wollten
wir das Wochenende verbringen. Wir hatten Schlafsäcke und Decken dabei und in unseren prall gefüllten Rucksäcken steckte reichlich Essen und Trinken.
Es war jetzt schon Mitte Oktober und die letzten Wochen waren, was das Wetter anging mit einem Wort gesagt: bescheiden. Der August war noch ganz in
Ordnung, obwohl er auch kein wirklicher Dauerbrenner war, um von morgens bis abends im Schwimmbad abzuhängen wie noch im Juli. Und gleich mit dem September
kam auch der Regen. Zwei unendlich lange Wochen wolkenverhangener Himmel. Und Regen nichts als Regen. Von morgens bis abends nur Regen. Es war als hätte
jemand den Wasserkübel da oben auf Dauerbetrieb gestellt und vergessen auszuschalten.
Die Regentage waren ächzend.
Ich hätte es auch mit Angeln versucht, denn bei Regen sollen die Fische ja besonders gut anbeißen, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen diese
bösartigen Widerhaken ins Wasser zu werfen und zu warten, bis ein Fisch sich daran verbiss. Und als ich sah, wie ein Angler mit einem Totschläger auf den
Kopf eines Fisches einschlug und ihm ein Messer in den Körper rammte, wobei sich die Kiemen noch öffneten und schlossen, verlor ich endgültig die Lust am
Angeln.
Nach den Regentagen wurde es auch nicht viel besser.
Dauertrübe Tage folgten, die hier und da von kleinen Sonnenblitzen unterbrochen wurden, die jedoch kaum der Rede Wert waren.
Doch seit einer Woche hatten wir endlich wieder Sonnenschein und es war angenehm warm und mild. Und die Mittagstemperaturen kletterten manchmal sogar auf
stolze 25 Grad.
So wie heute. Und für die nächsten Tage sollte sich an dem Wetterhoch auch nichts ändern.
“Ist es noch weit? Mir tun schon die Füße weh!“
“Du wirst es überleben, Adam.“
“Ja, stell dich nicht so an. Man muss sich ja schämen, dass du ein Junge bist“, sagte Hein mit einem Seitenblick auf Lina.“Oder hörst du etwa, dass sie
sich beklagt?
“Was hat er?“, fragte ich.
“Dem kleinen Zeugen tun die Füße weh.“
“Er soll sich nur nicht so anstellen, was soll Lina nur von uns denken!“
“Hab ich ihm auch gesagt. Außerdem tut dem Dicken ein bisschen Bewegung ganz gut.“
“He, seht mal, da oben kreist ein Falke!“, rief Emil plötzlich.
Wir blieben alle stehen und starrten an den Himmel.
“Was für ein riesiger Raubvogel!“
“Ein wahres Ungeheuer!“, johlte Adam.
“Nein, nein, das ist nie und nimmer ein Falke“, rief Lina.
“Ach, was ist denn deiner Meinung nach?“
“Eine Mäusebussard!“
“Woher willst d u das wissen?“
“Es ist hundertprozentig ein Mäusebussard!“
“Mein Gott, du bist ein Mädchen!“
“Vielleicht hat sie ja recht“, sagte Adam.
“Halt den Mund und misch dich nicht ein, Kleiner!“
“Ich weiß es so genau, weil mein Paps sich mit Greifvögeln sehr gut auskennt. Und er hat mir genau erklärt, woran man sie erkennen und unterscheiden kann.“
“Und woran kannst du einen Mäusebussard so genau erkennen?“, maulte Emil.
“Mäusebussarde sind viel größer als Turmfalken. Sie können mehr als einen Meter Spannweite haben. Und sieh doch nur, wie er im Kreis segelt, das ist ganz
typisch für ihn. Außerdem ist sein Schwanz im Verhältnis zu seiner Spannweite eher kurz und abgerundet. Sieh doch nur hin, dann kannst du es ganz deutlich
erkennen!“
“Du willst mir also wirklich weismachen, dass du einen Mäusebussard an seinem Flug erkennen kannst? Dann kannst du mir auch sicher verraten, wenn du schon
so klug bist, woran du einen Falken erkennst?“
“Den erkennst du daran, dass er im Rüttelflug am Himmel steht, wenn er nach Beute Ausschau hält. Und an seinen tititi Rufen! Und übrigens heißt es auch
nicht Raubvogel, sondern Greifvogel.“
“He, Hein, sag, ist sie in der Schule auch so ein verdammter Klugscheißer?“
“Sie weiß einfach alles!“
“Ich bin eben ein kluges Mädchen.“
“Dann will ich dir einmal glauben - du k l u g e s Mädchen!“
“Du hast dir Emil nicht gerade zum Freund gemacht“, sagte Hein.
“Er wird es überleben und sich damit abfinden müssen, dass ein Mädchen mehr wissen kann als er!“
Langsam setzten wir unseren Weg fort.
Und Emil lief voran.
Die Felder waren schon alle so weit abgeerntet. Und überall, wohin man blickte, sah man Saatkrähen auf den grauen Stoppelfeldern, die Ausschau nach
Fressbaren hielten. Nur hier und da sah man den einen oder anderen Bauer, der noch bei der Ernte war, aber der Großteil der Felder war schon abgeerntet.
Vor ein paar Tagen war ich hier mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Da war die Ernte noch im vollen Gange. Riesige Mähdrescher fuhren die Felder auf und ab.
Da beobachtete ich auch noch unten am Bachlauf und auf den abgeernteten Feldern zahlreiche Störche. Jetzt waren sie verschwunden und in den Süden gezogen.
“Kommt hierher, ich kenne eine Abkürzung!“, rief Emil uns hoch oben auf einem Zaun stehend mit einem schiefen Lächeln zu.
“He, lass den Unsinn! Du kannst doch nicht einfach in fremde Gärten eindringen.“
“Das ist mein gutes Menschenrecht!“
“Woher hast du denn das? Menschenrecht! Das ist doch nicht auf deinem Mist gewachsen“, sagte Hein.
“Von meinem Erzeuger. Er sagt immer, dass kein Mensch einem anderen Menschen Vorschriften machen dürfe. Und die Natur, die Wälder und Felder und Wiesen uns
allen gehören. Die Natur könne nicht einem einzelnen Menschen gehören. Das sei widersinnig und verstoße gegen unser elementares Menschenrecht sich überall
frei und ungehindert zu bewegen.“
“Aber du willst doch auch nicht, dass heute Nacht irgendwer durch den Garten deines Onkels marschiert, wenn wir da pennen.“
“Genau! Hast du einmal daran gedacht? Nein, hast du nicht! Du bist doch wirklich ein Blödmann!“, rief Lina.
“Na, gut, war auch nur so ein Vorschlag, weil dem Zeugen doch die Füße wehtun“, sagte Emil und sprang vom Zaun.
In den Gärten an denen wir vorbeikamen wurden fleißig die letzten Äpfel geerntet, soweit der Herbststurm, der vor zwei Tagen nachts über das Land gefegt
war, sie nicht schon heruntergeschüttelt hatte.
Bei dem Unwetter war in unserem Garten die große Fichte umgeknickt. Und Vater musste Säge und Axt aus dem Schuppen holen und sie fällen, da sie auf den
Nachbargarten zu fallen drohte. Auch unseren Apfelbaum, Mutters ganzer stolz, hatte es arg erwischt. Zwei Äste hatte ihm der Sturm abgerissen und die
meisten Äpfel waren herabgeworfen und lagen morgens zerstreut auf dem Rasen.
“Wie weit ist noch?“, klagte Adam und blieb stehen.“Ich hab keine Lust mehr weiterzulaufen. Mir tun die Füße weh! Und Durst habe ich auch!“
“Musst dich noch eine Weile gedulden.“
“Blöde Lauferei!“
“Du willst doch nächstes Jahr in der Jugendmannschaft mitspielen oder nicht? Also beweg deinen faulen Hintern! Vorwärts mir dir!“, sagte Emil und gab Adam
einen Schubs.
“Erinnere mich nur nicht daran!“, rief Hein.
“Woran?“
“Fußball! Diese Idioten haben mir den ganzen Sommer vermiest. Lassen sich von den Argentiniern so verarschen!“
“Ja, ich bin auch noch stinksauer“, sagte Emil.
“Vielleicht waren die Argentinier nur besser?“
“Ach, hört euch die Kleine an! Jetzt will sie auch noch beim Fußball mitreden. Hat dir dein Papi etwa auch erklärt, wie man Fußball spielt? Aber ich sag
dir, Lina, du kennst dich vielleicht bei Raubvögeln – entschuldige! - Greifvögeln aus, aber von Fußball versteht ihr Mädchen Nullkommanichts! Und das ist
so sicher wie das Amen in der Kirche. Also halt dich da raus!, wenn Fachmänner miteinander reden!“
“Meine Güte! Bist wohl heute Morgen mit dem linken Fuß aufgestanden!“
“Nein, es geht mir nur auf die Nerven, dass ihr Mädchen neuerdings in allem mitreden wollt, auch wenn ihr echt keine Ahnung habt. Und Fußball ist was,
wovon ihr Mädchen nun wirklich keinen blassen Schimmer habt. Und daran wird sich auch in den nächsten tausend Jahren nichts ändern. Garantiert!“
“Denkste!“
“So wahr wie morgen früh wieder die Sonne aufgeht, werdet ihr Mädchen es nie kapieren! Dazu fehlt euch einfach der Durchblick. Das ist eine Dimension zu
hoch für euer kleines Spatzenhirn!“
“Knallkopf!“
“Nie und nimmer, schreib es dir hinter die Ohren, Lina!“
“Das werden wir noch sehen!“
“Ja! Keinen blassen Schimmer!“
“Idiot!“
“Seid friedlich“, sagte ich.
“Sie mischt sich doch in alles ungefragt ein, Harry! Ich hab es dir gesagt, dass Mädchen nur Ärger machen! Aber du musstest ja deinen Dickkopf durchsetzen
und sie mitschleppen!“
“Warum sollen Mädchen nichts vom Fußball verstehen? Sie haben doch auch Augen im Kopf und können sehen wie die Jungs spielen.“
“Ja, welche Haarfrisur welcher Spieler hat und ob ihm das Trikot auch steht, oder ob er eine neue Freundin hat. Oder was über ihn in der Bravo
steht. Das interessiert Mädchen. Vom Spielaufbau und Taktik haben sie nicht den leisesten Dunst! Es passt nicht in ihr Spatzenhirn!“
“Da muss ich Emil beipflichten“, sagte Adam.
“Ach, du auch! Mich wundert das ihr Zeugen überhaupt Fußball spielen dürft“, sagte ich ärgerlich. “Verstößt das nicht auch gegen euere Bibel?
Steht da nicht auch irgendwas darin, dass ihr nicht Fußball spielen dürft.“
“Das ist nun wirklich gehässig, Harry“, rief Hein.
“Und es ist auch nicht unsere Bibel, es ist unser aller Bibel.“
“Ach, Adam! Adam!“
“Trotzdem war es nicht nett, Harry.“
“Ja, das war es nicht! Er will sich doch nur vor Lina aufspielen, das ist alles! Spielt den Verständnisvollen! Aber mir soll es recht sein. Spiel nur den
Mädchenversteher!“
“Idiot!“
“Selbst einer.“
“Hört auf zu streiten!“, rief Hein.
“Und ich bleibe dabei: Mädchen verstehen nichts vom Fußball“, sagte Emil wütend.
“Genau!“
“Ihr beide seid doch total bescheuert!“
“Hört! Hört! Die Kleine wird rebellisch!“
“Ja, sie ist schon ganz rot und fuchsteufelswild!“
“Bei Dummköpfen, wie ihr beiden, kann ich einfach nicht ruhig bleiben und den Mund halten!“
“Streiten wir uns später weiter! Wir sind da!“, rief Emil.
“Endlich“, seufzte Adam, “ich wäre auch keinen Schritt weiter gegangen.“
“Und hab ich euch zu viel versprochen?“
Nein, Emil hatte uns nicht zu viel versprochen. Der Garten war wirklich riesig und mit Apfelbäumen übersät. Er lag hangaufwärts und im oberen Drittel stand
die Holzhütte, und wenn man von der Hütte nach Westen blickte, sah man offene und weite Felder, die wie Muster auf einem Schachbrett aneinandergereiht
lagen. Und nach Osten hin waren dichte tannenbewaldeten Höhen zu sehen.
“Hier können wir pennen“, sagte Emil und öffnete eine schmale Holztür, die in die Hütte hineinführte.
Ein kleiner Herd war zu sehen und einige Stühle und ein Tisch und ein abgenutztes altes Sofa. An den Wänden hingen alte Jagdbilder. Und ein Hirsch-Geweih
über der Tür.
“Und wo sollen wir pennen?“
“Adam, du bist schlimm!“
“Ja, du denkst immer nur an deine Bequemlichkeit. Nicht laufen! Nur keinen Schritt zu viel! Aber sofort ans Schlafen denken! Du bist ein fauler Sack! Aber
ich würde vorschlagen, sucht euch einen Platz auf dem Holzboden. Ich werde es mir jedenfalls auf dem alten Sofa bequem machen.“
“He, he losen wir darum, wer auf dem Sofa pennen darf. Sonst ist es doch ungerecht. Findet ihr nicht auch?“, sagte Adam.
“Ich verzichte liebend gerne auf das alte Sofa“, sagte Hein.
“Ich auch“, stimmte ihm Lina bei.
“Wer weiß, was da für Ungeziefer drinnen sind, ich will mir das erst gar nicht vorstellen, wenn ich mir die Läusekiste so ansehe“, flüsterte ich Lina zu.
Und Lina lachte.
“Musst nur noch mit Emil losen“, sagte Hein.
“Nein, nein, ich verzichte dann auch lieber.“
“Richtige Männer schlafen ohnehin draußen im Freien. Ich für meinen Teil ziehe es vor draußen im Freien zu schlafen, hier riecht es mir zu muffelig“, sagte
ich.
“Das werde ich auch“, sagte Lina.
“Wie ihr wollt Jungs. Aber wir wollen uns doch noch erst was zu Essen machen, mein Magen knurrt schon ganz doll.“
“Der beste Gedanke den du seit langer Zeit hast“, rief Adam.
“Und verfressen bist du wie kein Zweiter! Das habe ich noch vergessen
mit aufzuzählen, Adam!“
“Also machen wir Feuer. Wer von euch besorgt Holz?“
“Das machen Harry und ich“, sagte Lina.
Und Hein grinste mich blöde an.
Zwei Stunden später hatten wir die Rostbratwürste verdrückt und saßen auf unseren Schlafsäcken rund um das knisternde Lagerfeuer. Es war dämmerig und in
der Ferne sah man zerklüftete Streifen von Abendrot, das sich eine Handbreit über dem Horizont wie eine langgezogene Federn erhob.
“Will einer eine Kippe mitrauchen?“, fragte Hein und hielt eine volle Schachtel Marlboro in die Runde.
“Du bist der Beste“, sagte Emil und griff zu.
Lina zögerte, aber dann nahm sie wie ich eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie an der brennenden von Hein an, der seine reihum gehen ließ. Bei
ihrem ersten Zug hustete Lina noch, aber dann hatte sie schnell den richtigen Dreh heraus den Rauch zu inhalieren und auszuatmen.
“Deine erste Zigarette?“, fragte ich.
Sie nickte.
“Dich brauch ich erst gar nicht zu fragen, Adam. Bei euch ist doch alles verboten, was im Leben richtig Spaß macht“, sagte Hein und setzte sein breitestes
Grinsen auf.
“Unser Körper ist ein Tempel. Und Gottestempel dürfen wir nicht verunreinigen. Außerdem ist Rauchen ungesund. Es macht krank.“
“Alles Gute macht krank“, grinste Emil.
“Fehlt nur noch ein Bier und der Abend wäre perfekt“, sagte ich.
“Da kann ich aushelfen“, sagte Emil, stand auf und ging zur Hütte. Als er zurückkam hatte er einen 6er-Pack unter dem Arm.
“Der kluge Mann baut vor. Also wer will – außer Adam natürlich, der muss seinen Tempel sauber halten!“
Und Emil knackte vier Flachen und reichte jedem von uns eine.
“Auf den edlen Spender!“
“Darauf trinken wir.“
“Prosit!“
“Prosit!“ Schallte es zurück.
“Aber um noch einmal auf diese blöde Fußball Weltmeisterschaft zurückzukommen. Ich meine ...“
“Ach, hör doch auf, Harry! Verdirb uns doch nicht den schönen Abend. In vier Jahren holen wir in Italien den Pott und dann ist Mexiko schon lange passé und
vergessen!“
“Na, lass ihn doch wenigstens ausreden“, sagte Lina.
“Meinetwegen, also was willst du uns sagen, Harry?“
“Dass die WM gar nicht so übel war, wie Emil, behauptet. Die deutsche Nationalelf hat doch ganz gut gegen Mexiko gespielt.“
“Das nennst du gut, dass wir erst im Elfmeterschießen diese Chiliefresser geknackt haben? Das war doch mehr als blamabel! Mit zehn Toren Unterschied hätten
wir die doch vom Feld jagen müssen!“
“Mindestens!“
“Ja, Emil, genau!“
“Es waren immerhin die Gastgeber.“
“Zugegeben sie haben sich bemüht,“sagte Emil gönnerhaft und schnippte die Asche seiner Zigarette in Luft.
“Und Toni Schumacher war an dem Abend in Superform!“
“Hätte er besser mal im Endspiel sein sollen, Harry. Doch es kommt nichts Gutes aus Köln, sage ich immer.“
“He, he, he und was ist mit Overath?“
“Overath? Du meinst doch nicht tatsächlich diesen Kerl, der sich '74 während des Spiels andauernd die Haare gekämmt hat, damit seine Frisur ja nicht bei
den TV-Interviews aus den Fugen geraten war! Das erzählt mir heute noch immer mein Erzeuger, wenn er den Overath im Fernseher sieht“, lachte Emil.
“Ja, das erzählt man sich“, sagte Hein.
“Alles dummes Geschwätz!“
“Und das Beckenbauer nie mit einem verschwitzten Trikot vom Spielfeld gegangen ist!“
“Dummes Geschwätz von Neidhammeln. Es gab und wird nie einen besseren Spieler als Beckenbauer in Deutschland geben. Mit ihm als Kapitän sind wir
schließlich Weltmeister '74 geworden“, sagte ich.
“Na, es steckt immer ein Körnchen Wahrheit dahinter. Kein Rauch ohne Feuer. - Apropos Rauch. Kannst du mir noch eine Kippe rüberwerfen, Hein? Danke!“
“74 ist doch schon eine Ewigkeit her, Harry!“
“Ja, oller Schnee von gestern!“
“Aber gegen Frankreich im Halbfinale haben die Jungs doch ganz gut gespielt.“
“Na, hört euch die Kleine an! Sie kann einfach ihren Mund nicht halten! Sie muss immer mitmischen!“
“Immerhin hat Frankreich Brasilien geschlagen. Und das muss du erst einmal: Brasilien schlagen!“
“Ach, Brasilien, Lina! Deren beste Zeit ist schon lange vorbei. Brasilien kannste in der Pfeife rauchen, wenn du mich fragst.“
“Gut, das Spiel gegen Frankreich war nicht schlecht. Da haben sie hinten drin gestanden und den Kasten sauber gehalten, nachdem sie 1:0 in Führung lagen
und die Froschfresser unser Tor bestürmten, mit allem was sie hatten.“
“Ja, die Froschfresser haben nicht viel drauf, Emil. Ich meine, wie du sagst, mit allem, was sie hatten, aber sie hatten einfach nichts! Und dann noch
dieser blöde Torwart. Eine echte Nullnummer im Tor.“
“Unser Glück“, sagte ich.
“Ja, war es.“
“Und Rudi hat den Sack zugemacht.“
“Ja, das war grandios!“
“Ich sag's immer, Harry: Es liegt am Torwart. Wenn der Torwart nichts taugt oder einen schlechten Tag hat, dann kannst du noch so gut spielen, dann hast du
keine Chance.“
“Ja, hätte Schumacher diesen blöden Ball von Brown nicht unterlaufen und hätte es nicht schon 2:0 für Argentinien gestanden nach sechzig Minuten, dann
wären wir Weltmeister geworden!“
“Hätte! Hätte! Hätte!“, äffte Adam.
“Halt den Mund, du kleiner Scheißer!“, sagte Emil.
“Du kannst Schumacher nicht allein die Schuld geben“, sagte ich.
“Wem sonst?“
“Sie haben es alle verbockt.“
“Und was ist mit Berthold?“
“Berthold? Wer um alle in der Welt ist Berthold? Hör zu, Lina, ein Tipp von mir: Wenn es in der Bundesliga eine einzige Mannschaft gibt, die die Kölner
noch toppen, dann ist es die Eintracht aus Frankfurt. Aus Frankfurt ist noch nie was Gescheites gekommen. Schreib dir das hinter die Ohren! Du machst dich
lächerlich, wenn du denkst, dass die noch einmal Deutscher Meister werden. Nie und nimmer! Da glaube ich eher noch an das Jüngste Gericht. Ich sage dir, es
gibt in der ganzen Fußball Bundesliga nur eine einzige Mannschaft, die könnte bis zum vorletzten Spieltag an der Tabellenspitze stehen und - ich mache jede
mit dir Wette, Lina - die es am letzten Spieltag noch versaubeutelt: Und das ist Eintracht Frankfurt!“
“Argentinien war eindeutig besser!“
“Viel besser!“, sagte ich.
“Sie haben an diesem verflixten Abend nicht einmal die Hand Gottes gebraucht, um das Spiel zu gewinnen“, sagte Hein.
“Euch ist wirklich nichts zu billig, um den Namen Gottes zu missbrauchen.“
“Jetzt hört euch den Zeugen an!“
“He, noch jemand scharf auf eine Runde Bier?“
“Wirf schon eine Flasche rüber.
“Was hat er gesagt der Zeuge? Hab nicht zugehört, Hein.“
“Er muckt auf!“
“Ist doch die Wahrheit. Im zweiten Gebot steht geschrieben:
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht
.“
“Soso, sagt er das, der H e r r!“
“Ja, das sagt er, Emil!“
“Und wo genau steht das?“
“Es steht im 2. Buch Moses. In den Zehn-Geboten die Moses von Gott für die Menschen bekam.“
“Du hast deine Hausaufgaben gemacht, Adam. Du kannst dich wieder beruhigen. Ich denke, der liebe Gott wird sich nicht gleich aufregen, wenn wir seinen
Namen nur ein ganz klein bisschen missbrauchen. Außerdem ist er doch dafür bekannt, dass er den Sündern vergibt.“
“Ach, ihr seid Blödmänner. Ich lege mich jetzt schlafen. Ich bin hundemüde.“
“Ja, das tue ich dann auch.“
“Es ist spät geworden.“
“Ich geh nur noch einmal für kleine Jungs.“
“Warte ich komme mit.“
“Und ich gehe in die Hütte und lege mich da aufs Ohr; wenn was sein sollte, dann ruft mich. Aber ich kann euch beruhigen, Wölfe und Bären gibt es hier
nicht mehr.“
“Doofkopf!“
Ich war eingeschlafen, dann aber wieder aufgewacht. Über mir funkelte der Sternenhimmel. Rechts neben mir lag Adam und schnarchte tief und fest. Und auch
von Hein kamen typische Schlafgeräusche. Ich stopfte mir ein Stück Taschentuch in die Ohren, schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen.
Plötzlich hörte ich dieses seltsame Geräusch hinter mir, das mich hoch aufschrecken ließ. Vielleicht war es eine Eule oder ein Käuzchen. Ich wusste es
nicht.
Mein Herz pochte und raste und ich zog mir die Kapuze meines Schlafsackes ein Stück tiefer ins Gesicht, drehte mich auf meine linke Schlafseite und schloss
die Augen.
Irgendwer war noch hier in dem Garten.
Da war ich mir sicher.
Ich hatte von Wildkatzen gehört, die sich hier wieder seit einiger Zeit in der Gegend ausbreiteten. Vielleicht war es auch ein Fuchs. Füchse waren auch
wieder auf dem Vormarsch. Vor allem auf Friedhöfen. So stand es letztens in der Zeitung.
Da! Ein leises Knacken im Unterholz! Nicht weit entfernt!
“Pss, pss!“, machte es hinter mir. “Ich bin es, Lina. Ich musste dringend Pippi. Ich hoffe, dass ich dich nicht geweckt habe.“
“Nein, aber mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Wie kannst du nur so mitten in der Nacht herumschleichen. Ich dachte, du schläfst schon längst.“
Lina schlüpfte in ihren Schlafsack und rückte ein Stück näher zu mir.
“Es ist doch unheimlich nachts hier draußen, findest du nicht auch, Harry?“
“Wie du von Emil gehört hast, gibt es keine wilden Tiere hier draußen, also auch keinen Grund dich zu fürchten.“
“Aber ich fürchte mich trotzdem.“
“Ich bin ja bei dir.“
“Ja, Harry.“
“Also mach die Augen zu und versuche zu schlafen.“
“Wenn ich noch ein Stück näher rücken darf, dann kann ich bestimmt noch besser schlafen.“
“Meinetwegen, aber nicht das du noch in meinen Schlafsack willst.“
“Nein, nein.“
“Dann ist es gut.“
“Ein schöne Nacht ist es, Harry. Siehst du die Sterne da oben?
“Ja, sehe ich.“
“Sind die nicht wunderschön?“
“Sie glitzern wie Diamanten.“
“Das da oben ist der Große Bär“, sagte Lina und zeigte mit ausgestreckten Arm hoch über sich.
“Du willst mir jetzt hoffentlich keinen Vortrag über den Sternenhimmel halten, obwohl du dich da bestimmt auch ganz gut auskennst, wie ich dich kenne.“
“Nein bestimmt nicht.“
“Dann ist es ja gut“, lachte ich.
“Was denkst du, Harry, wie weit die Sterne da oben von uns entfernt sind?“
“Manche sind so weit entfernt, dass es Jahre braucht, bis ihr Licht hier bei uns auf die Erde trifft. Und einige der Sterne sind sogar nicht mehr da, wenn
wir sie da oben am Himmel sehen; sie sind bereits erloschen, aber ihr Licht ist immer noch auf dem Weg zu uns auf die Erde.“
“Stimmt das wirklich, Harry?“
“So steht es in meinem Sternenbuch.“
“Kann ich dich was fragen, Harry.“
“Schieß los.“
“Was willst du später einmal werden, Harry?“
“Keinesfalls Lehrer, alles in der Welt nur nicht Lehrer!“
“Ich will Lehrerin werden!“
“Du gehst wohl gerne in die Schule! Hein hat mir erzählt, dass du sehr gut in der Schule bist. Schreibst nur Einser und Zweier!“
“Aber ich bin keine Streberin. Lernen fällt mir halt leicht. Dafür kann ich doch nichts.“
“War auch nicht böse gemeint.“
“Du gehst wohl nicht so gerne in die Schule?“
“Mal so, mal so.“
“Aber du musst doch wissen, was du einmal werden willst. Ich wusste schon in der ersten Klasse, dass ich später einmal Lehrerin werden will.“
“Vielleicht werde ich Schriftsteller.“
“Schreibst du dann Abenteuerromane?“
“Mal sehen.“
“Schreibst du gerne?“
“Nicht, was wir so in der Schule schreiben müssen. Du weißt schon, diese blöden Aufsätze: Mein schönstes Ferienerlebnis. Warum ich lieber auf dem Land als in der Stadt lebe. Das ist doch voll peinlich! Aber es macht mir Spaß verrückte
Geschichten zu erfinden. Und die lese ich dann meinem kleinen Bruder vor.“
“Gibst du mir einmal eine deiner Geschichten zum Lesen?“
“Mal sehen.“
“Du, Harry.“
“Ja.“
“Findest du mich eigentlich hübsch?“
“Siehst ganz passabel aus.“
“Also nicht direkt hübsch?“
“Doch schon.“
“Du findest mich also hübsch?“
“Ja, tue ich. Aber bilde dir nur nichts darauf ein.“
“Harry!“
“Was willst du noch?“
“Du bist nett. Und wenn du willst darfst du mir einen Kuss geben. Küssen darfst du mich, wenn du willst, aber mehr nicht, Harry.“
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