Sokrates

S anft wehte der Wind über die verdorrten Hügel Attikas. Ein langer und heißer Sommer neigte sich seinem Ende. Und obwohl die Sonne noch immer glühend vom blauen Himmel brannte, lag in dem sanften Wind, der vom Golf herüber wehte, bereits eine Brise des lauernden Herbstes. Silbern glänzten die spärlichen Olivenbäume im hellen Spiel des Lichtes. Vor wenigen Jahren standen hier noch die herrlichsten Olivenhaine Attikas. Doch der lange Bruderkrieg hatte all die herrlichen Haine zerstört und verwüstet. Die Feinde hatten verbrannte Erde hinterlassen. Der Krieg, der Vater aller Dinge, hatte Elend und Not über Attika gebracht, aber so gefiel es offenkundig den Göttern.
Der alte Mann mit dem ungepflegten langen Bart trottete nachdenklich die staubigen Hügel zur Stadt hinab. Am frühen Morgen war er von zu Hause aufgebrochen, um mit seinen schweren und sorgenvollen Gedanken ins Reine zu kommen.
Eigentlich trieb er sich viel lieber in der Stadt auf dem Marktplatz herum und stellte seinen Mitmenschen unbequeme Fragen, die er aber dann doch oft selbst beantworten musste, da seine Zeitgenossen zuweilen recht dumm waren. Mit seiner Kunst der Fragerei - mit seiner Redekunst - hatte er es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, auch jenseits der Stadtmauern von Athen. Er war ein stadtbekannten Unikum und die Menschen mochten ihn. Nur bei seinem Eheweib hatte er keinen leichten Stand und nicht viel zu lachen, was ihn ein ums andere Mal dazu bewog den freien Sternenhimmel dem Ehebett vorzuziehen. Xanthippe hatte ihm noch heute Morgen wütend nachgerufen, er möge sich ja nicht wieder betrinken, und dass er ja nicht wieder zu spät nach Hause kommen möge, denn sonst sei die Tür versperrt!
Ach, dieses Weib! Wie töricht es doch war! Noch nie hatte ihn ein Mann unter den Tisch getrunken! Keiner konnte mehr vertragen, keiner konnte mehr trinken als er: Sokrates!
Aber trotz ihrem bösen Schandmaul war er mit seinem Weib zufrieden. Sie war wohl keine Schönheit, aber dafür kochte sie ausgezeichnet und hielt Haushalt und Drachmen gescheit zusammen. Er hätte es wahrlich schlimmer und schlechter treffen können. Und gewiss war es auch nicht leicht, mit einem Mann verheiratet zu sein, der von sich behauptete, er wisse, dass er nichts wisse, und dafür vom Orakel, als der klügste aller Menschen geweissagt wurde. Wie sollte ein Weib das auch verstehen!
Und jetzt war der alte bärtige Mann auf dem Heimweg.
Vor ihm, eingebettet in sanften Hügeln, lag Athen im milden Abendlicht. War sie nicht die schönste Stadt, war sie nicht die Stadt der Städte? Nein, keine war schöner! Nein, keine war prächtiger! Tausendmal hatte er sie bewundert, sich nicht satt sehen können an ihrem herrlichen Anblick. Doch heute hatte er keinen Blick, kein rechtes Auge für all das Schöne und Herrliche, das vor ihm lag.
Und alsbald kam er am Haus des Theaitas vorbei, wo er schon von ferne lautes und helles Kindergeschrei vernahm. Gerne klopfte er an die Tür seines Freundes. Und dann hielten die Männer einen kleinen Plausch und tranken von dem vorzüglichen Wein, den der Hausherr meisterlich zu keltern verstand. Aber heute störte ihn der Lärm der spielenden Kinder und er vermied einen Besuch, trotz seiner durstigen Kehle.
Nie wollte er einen Schüler haben. Niemals kam ihm solches in den Sinn. Es war ihm genug mit seinen Mitmenschen zu reden, sie aufmerksam zu machen und zu lehren ihren eigenen Verstand zu gebrauchen, um ein segensreiches und durchdachtes Leben zu führen. Er selbst nannte diese Technik: Hebammenkunst. Eine Kunst die nicht danach strebt die Menschen zu belehren, sondern sie durch eigenes und selbstständiges Denken hin zur Erkenntnis führen will.
Und dann kam da dieser junge Bursche daher und wollte sein Schüler werden. Platon war sein Name. Er hing ihm wie eine Klette am Leib und verwickelte ihn andauernd in irgendwelche überflüssigen Gedankengänge. Er stellte ihm Fragen und er, Sokrates, sollte antworten! Seine Stirn legte sich in tiefe Falten und seine schon platte Nase wurde noch platter vor Zorn.
Der Bursche war aus gutem Hause, sein Onkel gehörte gar zu einem der Dreißig. Aber er wollte keinen Schüler, Punktum! Und dann hatte er sich doch breitschlagen lassen, weil der junge Mann ein paar Oboloi springen lies und mit seinem Weib gesprochen hatte, die darauf bestand, dass er den gut aussehenden Burschen zu seinen Schüler machte. Er nahm ihn also mit, wenn er auf den Marktplatz ging oder seine Freunde besuchte. Und Platon hörte aufmerksam zu und schrieb alles nieder, wenn er seine Gespräche führte. Das war jetzt vor fast einem Jahr. Der junge Mann war begabt - beim Zeus - und hübsch! Aber diese Gedanken, diese verrückten und krummen Gedanken, die nur so aus ihm heraussprangen, wenn sie im Hain des Akademos wandelten, ließen ihn bisweilen am Verstand seines Schülers zweifeln. Das kam zweifellos daher, weil dieser Platon fleißig alles mitschrieb, was er, Sokrates, sagte. Und mitunter legte er ihm dann Worte in den Mund, die auszusprechen oder nur zu denken ihm nie in den Sinn gekommen wären. Das lag wohl daran, dass er in seinen Notizen so manches durcheinander warf. Aber sollte er nur alles aufschreiben. Wem konnte er schon damit schaden? Und dann vor ein paar Tagen hatte sein Schüler etwas Seltsames zu ihm gesagt, was ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging: Eines Tages, werde er, Sokrates, sehr stolz auf seinen Schüler sein. Was nur für ein sonderbarer und wundersamer Bursche dieser Platon doch war.
Als der dickliche alte Mann durch das Heilige Tor in die Stadt trat, sank langsam die Sonne am Horizont. Gemächlich lief er durch die engen staubigen Gassen, wo ihm alles wohl vertraut und bekannt war.
Vor einigen Häusern saßen alte Männer und plauschten miteinander.
Und hier und da erwiderte er einen Gruß.
Vor dem Zeus-Tempel stehend überlegte Sokrates, ob er nicht ein Opfer bringe solle. Die Sitten und Gebräuche der Alten waren zu ehren und zu wahren. Das hatte er gelernt. Nicht selten hatte ihn mancher seiner lieben Athener scheel angesehen, wenn er im Eifer und bei einem Becher Wein die Götter lächerlich und verächtlich machte und sie mit Hohn und Spott überzog. Diesen aberwitzigen und törichten Götterglauben, an Götter die sich gegenseitig bekriegen und piesacken, wollte und konnte er nicht teilen. Zwar musste wohl irgendjemand die Geschicke der Menschen lenken, alles in Bewegung halten, wie konnte diese Welt sonst sein? Aber dafür brachte man nicht diese Vielzahl an lächerlichen Gestalten, dazu genügte ein einziger Gott: Zeus. Der war ihm recht sympathisch. Doch musste er vorsichtig sein, denn obwohl er viele Freunde hatte in der Stadt, so hatte er auch Feinde und Neider, zwar wenige an der Zahl, die aber nur auf einen Fehltritt von ihm warteten. Und da konnte es nicht schaden ein Opfer in der Öffentlichkeit zu bringen. Wer weiß, vielleicht hat Zeus sogar ein Einsehen und schenkt meinem Schüler Einsicht und Weisheit, dachte er und ging in den Tempel hinein.


Als Sokrates aus dem Tempel des Göttervaters kam war es dunkel; und beseelt vom Glauben an eine erlassene Schuld ging er erleichtert den Weg nach Melite. Als er am Marktplatz vorbeikam, sah er weder das eifrige Treiben der Händler noch das überreiche Angebot von Waren aus aller Herren Länder, sondern war vielmehr glücklich hier nichts zu bedürfen. Wie wenig bedurfte doch der Mensch, wenn er nur seine Vernunft walten ließe! Und sich nicht zum Narren der Krämer machte! Die Seelenruhe war doch das Wichtigste, sie war mit keinem anderen Glück und Gut auf der Welt gleichzusetzen!
Er war vom Laufen nunmehr müde und vor allem durstig geworden. Wohl klangen ihm noch Xanthippes warnende Worte im Ohr, aber das war nur Weibergeplärr und konnte ihn nicht beeindrucken. Und als er auf seinem Weg an einer gemütlichen Taverne vorbeikam, hielt er nicht lange inne, sondern trat furchtlos ein und ließ sich im gemütlichen Garten nieder.
Der Wirt brachte dem Wohlbekannten einen Krug mit Wein und frischem Wasser. Durstig leerte Sokrates den ersten Becher. Schon lange war er nicht mehr derart weit marschiert, zuletzt im Krieg. Aber bei aller Anstrengung und Mühe war der Marsch ihm wohl bekommen. Seine Glieder waren noch immer stark und fest und noch immer würde er so manchem jungen Athener davonziehen im Wettstreit. Zwar spürte er jeden Knochen einzeln, aber er war auch keine zwanzig mehr.
Ein wunderbarer Wein, schmunzelte Sokrates, als er den zweiten Becher leerte und beschloss den köstlichen Wein nicht mit dem lausigen Wasser zu verdünnen.
Müde lehnte er sich zurück und blickte mit halbgeöffneten Augen in den kleinen Kreis seiner Zechgenossen; ein halbes Dutzend, das den kleinen Garten, am frühen Abend bevölkerte.
"Sei gegrüßt, Sokrates, mein alter Freund", sprach ihn eine freundliche und wohl vertraute Stimme von der Seite her an. Und Sokrates blickte erfreut in das freundliche Gesicht seines Freundes Kritas, eines wohlhabenden Müßiggängers.
"Ach, du bist es, Kritas. Ich habe dich nicht gesehen. Verzeihe mir!"
"Schon gut, alter Freund. Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Du scheinst mir recht abwesend mit deinen Gedanken. Über welchem Problem brütest du heute? Und mit welchen Fragen willst du unsere armen Köpfe wieder zum Schwitzen bringen?“
“Dir mangelt es an Respekt vor dem Alter, mein Bester“, sagte Sokrates in freundlichem Ton und fuhr fort: “Es sind nicht meine Gedanken die mich heute tragen, sondern meine armen Füße.“
"Du warst laufen? Ich dachte, seit dem Krieg brächten dich keine zehn Pferde mehr hinfort?"
"Du siehst auch ich ändere ab und an meine Meinung. Das Leben macht Wandlung und Einsicht notwendig. - Obgleich der Marsch mir gutgetan.
Wie ich betonen muss. Man wird nur nicht jünger mit den Jahren. "
"Wem sagst du das?"
"He, he du junger Bursche. Was weißt du schon vom Alter! In deinen Jahren wusste ich nicht was Müdigkeit ist. Da bin ich Tag und Nacht marschiert und habe im Gehen geschlafen."
"Oh, Sokrates", lachte Kritas, "ich sehe dich noch zu genau, wie du gelaufen bis in voller Rüstung. Aber sieh nur, dort drüben kommt Phaidron, er soll sich zu uns setzen!"
Phaidron ein kräftiger Bursche, dessen Ahnen aus Milet kamen, war der Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns, der ein Vermögen gemacht hatte, während des langen Krieges. Phaidron selbst zeigte jedoch keinerlei Interesse am Gewerbe seines Vaters. Wie viele seiner Freunde, war er ein fröhlicher Müßiggänger, der das Leben und die Frauen liebte.
"Seid gegrüßt, Kritas und Sokrates!"
"Du siehst ja auch so müde aus. Komm sag, wo kommst du her, mein lieber Phaidron?
"Ach, Kritas, was soll ich sagen! Ich war in der Versammlung! Fünf elendige Stunden habe ich herumgesessen und hinten kam dabei nichts raus!"
"Gibt’s nichts zu berichten?"
"Nur wenig, es ist nichts mehr wie's früher einmal war. Die Demokratie muss wieder her!"
"Wem sagst du das?" murmelte Sokrates launig.
"Dann erzähle uns eilig von der Versammlung, was gibt's Neues? Du weißt, mich interessiert jede Art von Klatsch", drängte Kritas und schenkte Phaidron den Becher ein.
"Gemach, gemach. Lasst mich erst trinken!"
"Ja, lass ihn, Kritas. Er soll erst einen Becher leeren. In der Eile liegt kein Heil."
"Nun gut, ich will euch nicht länger auf die Folter spannen. Dass
sie die Steuern erhöhen ist keine Neuigkeit. Man munkelt seit Wochen darüber."
"Gewiss. Gewiss."
"Und sie einen neuen Tempel bauen wollen, ebenfalls!"
"Schade, um das gute Geld", seufzte Sokrates. "Er wird zig Minen kosten. Und bringen wird es nichts."
"Pass auf, du Schandmaul! Die drüben spitzen schon die Ohren. Sieh dich vor! Ich warne dich mein Freund. Die Spione lauern allerorts!"
"Ich schweige wie ein Grab! Doch wird man die Wahrheit wohl noch sagen dürfen! Aber sag, welche Neuigkeit gibt's wirklich?"
"Dass sie die Zahl der Sklaven und die Zahl der Metöken drosseln wollen. Wer zuviel ist in der Stadt, der soll verkauft - oder vertrieben werden. Sklaven kann sich heute niemand mehr leisten, und die Metöken nehmen den Bürgern Arbeit und Privilegien fort.“
"Das will ich meinen, so denke ich auch, es stimmt", rief Kritas, " die Fremdenzahl ist viel zu hoch. Auf jeden Bürger kommen gewiss schon drei! Unsersgleichen ist schon lange in der Minderheit in Athen!"
"Was sagst du, Sokrates, zu diesem Dummkopf?"
"Ach, ich bin zu alt um mich noch zu ereifern. Sklaven hab ich nie gebraucht. Ihr ganzes Dasein ist ein Unrecht. Sie haben viele Jahre treu gedient und wir können sie nicht wie Hunde aus der Stadt verjagen."
"Das habe ich so auch nicht gesagt!"
"Doch wohl gedacht!" murmelte Sokrates.
"Auch nicht gedacht! Vielmehr, dass es derer zu viele sind. Und wir eines Tages zu ihren Sklaven werden. Die Bürger müssen sich wehren und schützen. Sonst spielen wir in die Hand der Radikalen!"
"Ach, komm du Narr", erwiderte Phaidron heftig, "du weißt sehr wohl, dass bloß der Mob hier schreit und nun die Herren zu handeln glauben müssen. Volksstimme! Narrenstimme!"
"Warum auch nicht? Ist eine Polis schlecht, wenn sie nach dem Willen ihrer Bürger handelt? Sie wäre dumm sie täte es nicht! Wozu, im Namen der Götter, ist denn sonst unser Verstand?"
"Ach, hör mir auf", rief Sokrates erzürnt, "lass mir nur das Gerede vom Menschenverstand! Ich studiere ihn täglich, wie ihr wisst! Und weißt du, Kritas, was er ist? Na? Ich will’s dir sagen: Nichts als ein böses, faules Tier!"
"Hört auf zu streiten, und lasst uns den schönen Abend nicht mit Politik verderben. Kommt Freunde, lasst uns trinken und dabei fröhlich sein."
"Das scheint mir recht, also trinken wir! Es tut mir leid, ich weiß, du bist ein Menschenfreund, mein guter Sokrates."
Hell stand der stille Mond am sternenklaren Abendhimmel.
Der Lärm der Gassen war verklungen. Abendfriede war eingekehrt.
Und während Sokrates mit seinen Gedanken wieder hin zu seinem Schüler Platon schweifte, floss das Gespräch zwischen Kritas und Phaidron munter fort.

“Dann lass uns hören, was Sokrates dazu zu sagen hat!“
“Das ist gescheit!“
"He, Sokrates, hörst du mich?" rief Kritas.
“Ach, mir scheint, der süße Schlummer hat ihn eingeholt“, lachte Phaidron.
“He, Sokrates,“ wiederholte Kritas und stieß den Freund mit dem Arm leicht an, "was ist mit dir? Hast du Sorgen, plagt dich eine Not? Du bist nicht mehr du selbst!"
"Ich war in Gedanken, verzeiht mir meine Freunde!"
"Ist es dein Weib, Xanthippe, das dir Sorgen macht?", lachte Kritas hinterlistig.
"Ach, komm lass mir das Weib zufrieden. So grässlich ist sie nicht. Ich hätte es tausendfach schlechter treffen können. Nein, auf sie lass ich nichts kommen."
"Solch Rede aus deinem Mund? Das lässt mich wundern. Du verträgst den Wein nicht mehr, Sokrates!"
"Irgendetwas muss ihn plagen, Kritas, sieh nur sein trübes Gesicht. Und beim Trinken liegt er auch weit hinten! So kenne ich ihn wahrlich nicht!"
"Da hast du Recht! Ich mache mir ernsthaft Sorgen!"
"Es sind Gedanken die ich hin und her bewege. - Und mich bemühe sie ins rechte Lot zu bringen, meine treuen Freunde."
"Was ist der Grund?"
“Nein, ich will euch nicht behelligen.“
“Wir sind deine Freunde!“
“Also sprich!“
"Es ist mein Schüler Platon."
"Platon?"
"Ja, Platon, ihr kennt ihn beide."
"Platon", sagte nachdenklich Kritas, "du meinst diesen hübschen Jüngling mit den dunklen Locken, der dir stets an den Fersen hängt? Wie einst der schöne Alkibiades? Ich vermisse ihn heute Abend, jetzt wo du die Rede auf ihn bringst. Wo steckt er, dein treuer Schüler?"
"Er sitzt wohl zu dieser Stunde in seiner Stube über seinen Notizen oder studiert die alten Schriften.“
“Ein fleißiger Schüler!“
“Das ist er! - Ich kann nicht klagen!“
"Aus gutem Haus ist er. - Soviel ich weiß, ist er verwandt mit einem der Dreißig", ergänzte Phaidron.
"Ein Onkel, ja!"
"Und seinetwegen machst du dir Sorgen, guter Sokrates?"
"Ja! Seine Gedanken verwirren mich! Ich verstehe ihn nicht, obwohl ich mir Mühe gebe!"
"Das musst du schon erklären. Ich denke ihr seid ein Herz und eine Seele. Ein Eheweib kann anhänglicher nicht sein, als dein Schüler", lachte Kritas. “
"Ich weiß nicht recht. Ich will euch nicht den schönen Abend mit meinen Sorgen verderben."
"Wir sind doch deine Freunde", bohrte Kritas weiter, "du brauchst da keine Scheu zu haben."
"Nun, gut. Ich denke - ich fürchte er ist verrückt!"
"Verrückt?" fragte Kritas, "das musst du uns aber schon genauer erklären. Mit einem Wort ist so was nicht gesagt."
"Zuvor lasst uns aber noch einen Krug Wein herschaffen, ich glaub es wird interessant", rief Phaidron aufgeregt.
"Und eine lange Nacht", seufzte Sokrates.
Der Wirt brachte einen neuen Krug und sie füllten die Becher.
Sokrates blickte ernst in die erwartungsvollen Gesichter seiner Freunde. Noch zögerte er. Wie sollte er ihnen mit einfachen Worten begreiflich machen, was ihn bewegte, was ihn sorgte und was ihn kümmerte! Ihm, dem die Worte aus dem Mund sonst immer nur so herausflossen, wie aus einer üppig sprudelten Quelle, fehlten jetzt die rechten Worte um sein Gedanken vorzutragen - ohne dass ein falsches Bild entstehe.
Doch dann sprach er:
"Wie ihr wisst, meine lieben Freunde, bin ich ein großer Freund des Wortes - der Wortkunst. Und obwohl mich einige, wie auch dich Kritas, den Sophisten gleichstellen, die ich zwar schätze, aber wegen ihrer Geldsucht verachte, will ich die Menschen aus ihrer Unkenntnis befreien. Ich will sie durch Einsicht lehren, sich recht zu verhalten, um wahre Menschen zu sein. Denn ein Mensch der recht denkt, der handelt auch recht, denn das rechte Handeln liegt in unserem Herzen. Auch wenn es bei einigen sehr verborgen liegt und ich lange und tief bohren muss. So lässt es sich mit einem guten Willen dennoch bergen. Ich glaube fest daran, dass der Mensch, wenn er erst einmal wissend ist, er auch tugendhaft sein wird. Denn alles Böse und Schlechte kommt von der Unwissenheit. Deswegen spreche ich mit den Menschen und stelle ihnen unbequeme Fragen. Ich will die Menschen locken, sie kitzeln, damit sie ihren Verstand benutzen. Aber was hinter all den Dingen steckt, das Sein der Dinge, interessiert mich nicht. Ich will davon nichts wissen. Und vermag darüber auch nichts zu sagen. So wie kein Mensch darüber etwas zu sagen vermag."
"Wie wahr, so kennen wir dich", stimmte Kritas bei.
"Und wenn ich sage: ich weiß, dass ich nichts weiß, ist das allein kein Eingeständnis meiner Unkenntnis; sondern vielmehr: ich weiß ja, dass ich nichts weiß, und deshalb weiß ich mehr, als jene die glauben etwas zu Wissen - und in Wahrheit nichts wirklich wissen. Denn all unser Wissen ist bescheiden und bruchstückhaft!"
"Du bist ein Schelm, aber so bist du und so kennen wir dich", lachte Kritas.
"Aber sag, was hat das alles mit deinem Schüler Platon zu tun?"
"Nur noch ein Wort zuvor. Damit ihr mich recht versteht."
"Spann uns nicht länger auf die Folter. Du siehst doch selbst wie neugierig wir sind", drängte Phaidron.
"Nur langsam, Freunde. Ein dummes Wort ist schnell gesprochen. Ich sage es auf meine Art."
"Ja, lass ihn! Er weiß schon selbst, wie er 's uns zu sagen hat!"
"Er ist ein treuer aufmerksamer Schüler. Und nicht ohne Begabung. Das sei vorweggeschickt! Aber seine Gedanken! Seine seltsamen Gedanken die er immerzu ausbrütet! Die machen mir Sorgen! Zuerst war es nur sein Glaube an die Unsterblichkeit der Seele! - Dabei sollten wir froh sein, wenn alles überstanden ist, wir unsere wohlverdiente Ruhe finden, und in das Nichts zurückkehren aus dem wir einst gekommen sind! Und jetzt liegt er mir seit Tagen mit seiner, wie er sie nennt: Ideenlehre – in den Ohren. Tagein, tagaus schwadroniert er davon ohne Unterlass! Ich kann und will davon nichts länger hören! Und jetzt drängt er mich auch noch, dass ich über seine Ideenlehre mit meinen Freunden diskutiere. Ich soll für ihn sprechen, so, als ob es meine Lehre und sie aus meinen Gedanken erwachsen sei. Das will und kann ich nicht! Soll er sich doch einen Schauspieler suchen, der seinen Text aufsagt!“
"Ideenlehre? Was soll das sein?"
"Es ist die Suche nach den Phänomenen dieser Welt, wenn ich es richtig verstehe. Seiner Meinung nach ist die Welt zweigeteilt: in eine Sinnen- und in eine Ideenwelt. Obwohl, ich muss gestehen, die eine Welt, in der wir leben, mir ist schon oft zuviel."
"Halt, halt, das musst du jetzt genau erklären", unterbrach ihn Kritas, "und sprich langsam, mir brummt der Schädel."
"Nun gut. Panta rhei! Der Satz ist wohlbekannt?"
"Wer kennt ihn nicht, den alten Heraklit! Einer von den Besten!"
"Und darum geht's. Alles fließt, folglich hat nichts Bestand. Wir altern und wir sterben..."
"Wem sagst du das?"
"Die Sinne, mit denen wir wahrnehmen, nehmen alles nur unvollkommen auf, so sagt er, mein Schüler. Die Dinge kommen und vergehen. Die Sinnenwelt unterliegt folglich dem Untergang - der Vergänglichkeit. Trotzdem sind alle Dinge in der Welt nach einer zeitlosen Ur-Form gebildet und daher unvergänglich - die Welt der Ideen, die Ideenwelt.
"Das ist mir unverständlich", maulte Kritas kleinlaut. "Oder hast du ein Wort verstanden, Phaidron?"
"Die Lehre klingt mir sehr verworren.“
“So sehe ich es auch, aber erzähl nur weiter, ich bin gespannt!"
"Nun, Freunde, ich will's so gut ich kann es an einem Beispiel klar-machen, das er mir selbst genannt. Nehmt die Hunde. Sie sehen doch alle gleich oder ähnlich aus."
"Na, na mit sehr viel Phantasie!" lachte Phaidron laut.
"Dann Katzen eben!"
"Nun, aber..."
"Es ist ein Beispiel, Narr!"
"Ich schweige schon!"
"Und ich fahre langsam fort - für eure trunkenen Köpfe. Beileibe, ich will’s auch nicht bestreiten, gibt es Unterschiede vieler Art, gibt es von ihnen größere und kleinere, gibt es graue, schwarze und getigerte, aber trotzdem gibt es doch eine untrennbare Gemeinsamkeit; etwas, woran wir erkennen, dass uns unmissverständlich sagt: das ist eine Katze. In der Tat kann die einzelne Katze alt und krank werden - kann sie sterben. Wird sie eines Tages sterben. Sie ist vergänglich. Wie alles in der Welt. Alles fließt - jedoch die Form, die Katzenform ist und bleibt ewiglich und unvergänglich. Die Phänomene allein sind abstrakte Musterbilder."
"Interessant."
"Wahrhaftig, ein verrückter Bursche!"
"Hört weiter! Nichts Sicheres können wir über die Welt durch unsere Sinne erfahren, so mein Schüler Platon, sondern allein, wenn wir unsere Vernunft gebrauchen. Die Welt der Ideen lässt sich nicht mit unseren Sinnen erkennen. Der höchste Grad der Wirklichkeit ist für uns erst dann erreicht, wenn wir sie mit Vernunft denken. Das - in groben Zügen - ist seine Lehre."
"Du hast Recht, Sokrates, er ist verrückt, dein Schüler!“
“Sagt er auch, woher wir unser Wissen haben?“
“Ja, womit - wodurch erkennen wir?“
“Das habe ich ihn auch gefragt, mein guter Kritas, und er hat mir geantwortet, dass unser Wissen aus unserem Vor-Erden-Dasein stamme, und wenn das Musterbild eines Dinges in uns aufleuchtet, dann ist dies eine Erinnerung an das, was vor unserem zeitlichen Dasein stattfand.“
“Für deinen Schüler ist demnach Erkenntnis Wiedererinnerung?“
“Wenn du es so sagen willst.“
“Fürwahr das ist der Beweis - er ist verrückt, Sokrates!“
“Wie kommt er nur auf diese absurde Idee?“
“Ich habe mich das auch gefragt. Er ist noch nicht einmal ein großer Zecher!“
“Dieser Narr! Ausgerechnet er spricht von Vernunft!"
"Du hast gewiss recht, Kritas, aber lass hören, was Sokrates zu der Lehre seines Schülers noch zu sagen hat. Eine Meinung hast du doch?"
"Gewiss, gewiss - so mancherlei Gedanken habe ich mir gemacht."
"Dann lass uns nicht länger warten, es geht geradewegs auf Mitternacht zu."
“Ja, sprich, Sokrates!“
“Nun gut, meine Freunde. Ich will euch nicht länger warten lassen: Alle Form besteht aus Eigenschaften. Ist es nicht so?"
"So, ist's."
"Die Katze und ihre Form sind untrennbar. Und wie sonst anders, als durch unsere Sinne für uns erkennbar."
"Wie sonst?"
"Ist der höchste Grad der Wahrnehmung nicht der, was wir mit unseren Sinnen erkennen? Mit unseren Augen sehen. Mit unserer Nase riechen. Mit unserer Zunge schmecken. Mit unseren Ohren hören. Und mit unseren Händen fühlen?"
"Du sagst es schlau!"
"Selbst für meinen berauschten Kopf klingt dies plausibel. - Obwohl, wenn ich es recht bedenke, ich nichts dagegen hätte, wenn morgen meine Kopfschmerzen nur eine Idee und nicht schmerzhafte Wirklichkeit wären," grinste Phaidron.
"Das glaub ich wohl, darauf ein Prosit!" rief Kritas gut gelaunt. “Aber lass uns jetzt Sokrates weiter hören! Ich bin gespannt, was er noch zu sagen hat!“
"Ich denke, meine lieben Freunde, dass nichts in unserem Bewusstsein existiert, was nicht zuvor in unseren Sinnen ist. Und der Verstand uns angeboren ist, um zu trennen und zu unterscheiden. Ob die Dinge in der Tat so sind, wie sie uns erscheinen, wird wohl nie ein Mensch erfahren. Wir erkennen die Welt, wie wir sie zu erkennen vermögen. Und so sehen wir mit unseren Augen Farben durch das Sonnenlicht, weil das Auge hierzu gemacht. Mit all unseren Werkzeugen der Sinne und mit der Hilfe unseres Verstandes, können wir die Dinge ordnen und klassifizieren in der Welt. Wir Menschen sind es - die die Welt für uns erschaffen.“
"Das scheint mir klug gesprochen.“
“Darauf lass uns trinken, weiser Sokrates!“
“Ach Freunde, was sind wir heute töricht! Und was würde die Nachwelt wohl von uns denken, wenn sie von alledem erführe? Ich sag es frank und frei: Sie hielt uns für Narren und Müßiggänger! Darum schreibe ich ja auch keine Zeile und hinterlasse keine Schriften, wer weiß, was sie für einen Unfug und was für eine seltsame Lehre sie daraus machten!"
"Und Platon?“
“Ja, was soll aus deinem Schüler werden?"
“Waren wir nicht auch einmal jung?“
“Gewiss! Gewiss!“
“Und hatten den Kopf voll spleeniger Ideen?“
“Ich erinnere mich nur zu gut, mein lieber Sokrates! Aber ein ernstes Wort wirst du doch mit ihm reden?“
"Ach, soll er weiter seine Feder fleißig schwingen. Nur soll er mich mit seinen Grillen verschonen. Das will ich ihm sagen. Und er mich aus seinen Schriften lässt! Denn die Götter mögen es wohl verhüten, dass mich die Nachwelt zu guter Letzt noch für seine kruden Gedanken verantwortlich macht!"
"Darauf einen vollen Becher, mein lieber Sokrates!“
“Ja, noch einen vollen Becher, aber lasst uns dann nach Hause gehen. Es ist schon weit nach Mitternacht!"
“Hört, hört!“
"Wohl wieder Angst vor deinem Weib?"
"Nein, nein, ich schlafe unterm freien Himmelszelt. Es soll auch viel gesünder sein."
"So soll's denn sein."

*

13. April 2014





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