Sauwetter

Es schüttete wie aus Kübeln. Bei uns zu Hause sagt man bei so einem Wetter: Es pisst wie junge Hunde. Zugegeben, das klingt nicht vornehm, aber arbeitslos zu sein ist auch nicht gerade vornehm. Das dürfen Sie mir ruhig glauben, denn ich weiß, wovon ich rede, ich bin nämlich arbeitslos. Und Sie können sich gewiss nicht vorstellen, wie man sich da fühlt. Das kann man nur, wenn man arbeitslos ist.
Oder sind Sie vielleicht auch arbeitslos?
Als ich am Morgen die Wohnung verließ, regnete es noch nicht. Und es sah auch nicht nach Regen aus, als ich aus dem Fenster blickte, aber Maria, meine Frau, rief mir vom Badezimmer aus noch zu, dass ich ja nicht meinen Regenschirm vergessen soll. Der Wetterbericht im Radio hätte für heute Vormittag Starkregen vorausgesagt. Natürlich habe ich den Regenschirm vergessen. Und Maria würde in ihrer verständnisvollen Art sagen, dass ich vermutlich meinen Kopf noch vergessen würde, wenn der mir nicht angewachsen wäre.
Um das Fahrgeld für den Bus zu sparen ging ich zu Fuß. Aber ich war kaum eine viertel Stunde unterwegs, da pisste es wie junge Hunde. Und ich drückte mich dicht an den Hauswänden entlang, und sprang so gut es eben ging den Pfützen aus dem Weg. Aber am Ende war ich doch fast bis auf die Unterwäsche nass. Der Regen in diesem Jahr nimmt auch überhaupt kein Ende. Das halbe Frühjahr war verregnet. Der Sommer nicht viel besser. Vom Herbst will ich erst gar nicht reden. Und Mitte November ist keine gute Jahreszeit. Und ich muss aufpassen, dass ich mir bei dem Sauwetter nicht noch eine Lungenentzündung einfange. Am Ende noch eine Doppelseitige! Das würde mir noch fehlen! Aber es hätte auch etwas Gutes, ich könnte mich ins Grab legen und ausruhen und mein irdisches Elend würde sein friedliches Ende finden.
Maria würde mich ausschimpfen, wenn sie mich so reden hörte. Sie mag es überhaupt nicht, wenn ich so ein dummes Zeug, wie sie es nennt, daher rede. Maria ist das Beste, was ich besitze. (Soweit man heutzutage von seiner Frau, bei diesen Moralwächtern, noch ungestraft von Besitz sprechen darf.) Neben Albert und Elisabeth. Meine und Marias Kinder – unsere auf herkömmliche Art und Weise gezeugten Kinder. Albert ist elf Jahre und geht aufs Gymnasium. Er ist kein schlechter Schüler. Aber er braucht gelegentlich einen kleinen Schubs, damit er den Ernst des Lebens begreift. Wenn Sie selbst Kinder haben, verstehen Sie, was ich meine. Elisabeth ist neun. Mit ihr gibt es keine Probleme. Sie ist die Beste in ihrer Klasse. Außerdem spielt sie für ihr Alter schon außergewöhnlich gut Klavier. Der Klavierunterricht, zweimal die Woche, kostet mich ein kleines Vermögen. Hinzu kommt die monatliche Miete für das Klavier. Ein eigenes können wir uns nicht leisten. Elisabeths Klavierlehrer, Herr Malakowski, gebürtiger Pole, stundet mir die Unterrichtskosten, weil das Kind so hochmusikalisch und begabt ist, bis ich wieder Arbeit habe. Ihre Musikalität hat sie zweifellos von Maria. Meine Frau hat einen wunderschönen Sopran. Ich bin gänzlich unmusikalisch.
Manchmal, an weniger guten Tagen, denke ich: Das mich der Schlag treffen möge. Von einer Sekunde auf die andere. Ich habe keine Angst vor dem Tod, obwohl ich nicht gläubig bin. Oder gerade deswegen. Nur schmerzhaft soll er nicht sein. Darauf muss ich bestehen. Ich weiß, dass das keine eigentliche Lösung ist, aber manchmal habe ich solche trüben Gedanken und es wird mir dann ganz feierlich dabei zumute. Maria, Albert und Elisabeth könnten dann ohne mich ein neues Leben anfangen, und müssten nicht länger unter einem Ehemann und Vater leiden, der seine kleine Familie nicht ernähren kann. Und Maria würde bestimmt einen guten Mann finden, der sie glücklich macht. Sie ist bildhübsch müssen Sie wissen. Und sie hätte es wirklich verdient einen Mann zu haben, der sie glücklich macht. Aber es würde wohl eine Weile dauern, bis sie einen besseren Kerl finden würde als mich. Gute Ehemänner sind rar. Die Sonderangebote und die Ausschussware auf den Wühltischen sind hingegen immens groß. Na, bis sie den Richtigen findet, könnte sich Maria mit meiner kleinen Lebensversicherung über Wasser halten.
Natürlich kommen diese dummen und trübsinnigen Gedanken nur von meiner Ausweglosigkeit in der ich stecke. Und es wäre auch wenig mannhaft und feige mich auf diese Art und Weise aus dem Staub zu machen. Und der Gedanke, dass Maria mit einem anderen Mann, als mit mir, glücklich werden könnte, daran will ich eigentlich auch überhaupt nicht denken.
Nass bis auf die Knochen fand ich schließlich Unterschlupf in meinem kleinen Stehcafé.
Jetzt stehe ich mit einer großen Tasse schwarzen Kaffee, an einem kleinen Stehtisch direkt am Fenster und beobachte die Leute auf der Straße. Ich beobachte gerne meine Mitmenschen. Und seit ich arbeitslos bin, habe ich reichlich Zeit und auch die nötige Muse dazu. Stundenlang kann ich meine Mitmenschen beobachten, ohne dass es mir auch nur eine Sekunde dabei langweilig wird. Sie müssen überhaupt nichts Großes und Besonderes tun, nicht einmal hübsch oder hässlich aussehen, keinen Rundkopf oder Querkopf auf ihren Schultern tragen, nicht einmal freundlich oder unausstehlich sein; es genügt mir, dass sie vor einem dieser zahllosen Schaufenster stehen und sich die Auslagen ansehen, miteinander schwatzen oder streiten oder in einem Straßencafé sitzen und Zeitung lesen oder ihrerseits, so wie ich, ihre Mitmenschen beobachten. Und wir uns dann gegenseitig beobachten. Das genügt mir. Menschen bei ihrer Arbeit beobachte ich hingegen nie. Das langweilt mich. An den Wert einer sinnvollen Beschäftigung glaube ich schon lange nicht mehr.
Mit klammen Fingern schiebe ich den spärlichen Rest Geld auf dem Tisch hin und her. Es reicht noch für eine zweite Tasse. Und für eine Busfahrkarte. Ich stecke eine selbstgedrehte Zigarette an und sauge den Rauch tief und gierig ein. Der Kaffee und der Tabak vertreiben mir etwas meine melancholischen Gedanken. Außerdem ist das Café hübsch warm und ich fühle ein angenehmes und träges Wohlbehagen in mir aufsteigen, wie ich es von den Sonntagnachmittagen her kenne. Da liege ich am liebsten ausgestreckt auf dem Sofa und höre klassische Musik, Brahms und Bruckner oder auch Chopin, während Maria strickt oder mit einer anderen Handarbeit beschäftigt ist und die Kinder in ihrem Zimmer spielen.
Das man mit achtundvierzig zum alten Eisen gehört ist nicht leicht zu verkraften. Nicht für einen Mann, der seine Familie bislang mit seiner Hände Arbeit ernährt hat.
Fünfzehn Jahre hatte ich meiner Firma, in der ich auch meine Ausbildung zum Kaufmann gemacht hatte, und danach als Einkäufer für Heizungsartikel gearbeitet hatte, die Treue gehalten. Und dann stand ich plötzlich von heute auf morgen auf der Straße. Der Juniorchef hatte sich an der Börse verspekuliert und die Firma mit einer einzigen waghalsigen Investition in den Ruin getrieben. Und bei meiner letzten Arbeitsstelle musste, um Kosten zu sparen, Personal freigesetzt werden, und zu den Freigesetzten gehörte ich.
Das ist jetzt zwei Jahre her und seitdem bin ich arbeitslos. Und seitdem halte ich mich mit der mir staatlich zugewiesenen Kohle mehr schlecht als recht über Wasser. In meinem Beruf bekomme ich nichts mehr angeboten. Dafür bin ich schon zu alt. Das lese ich immer wieder, wenn ich in die Gesichter der Personalchefs sehe und die mich süffisant anlächeln, wenn sie, ich kann das inzwischen erkennen, erst auf mein Geburtsdatum und dann mich daraufhin mitleidig ansehen. Wenn ich sie überhaupt zu Gesicht bekomme. In der Regel bekomme ich noch nicht einmal eine Antwort auf meine Bewerbungen oder meine Bewerbungsunterlagen werden mir kommentarlos und postwendend zurückgeschickt. Es gehört schon zu den Ausnahmen, wenn eine maschinell vorgefertigter Serienbrief mit dem Bedauern meiner Nichtberücksichtigung dabei liegt. Aber wie gesagt, meistens bekomme ich noch nicht einmal eine Antwort auf meine vielen Bewerbungen.
Die Welt ist kalt geworden.
Und langsam kann ich diese aalglatten und menschenverachtenden Gesichter in den Personalbüros auch nicht mehr sehen. Es dauert immer nur Sekunden, dann weiß ich, dass mein Bewerbungsgespräch zu keinem Erfolg führt. Ich muss nur für einen kurzen Augenblick in ihre Augen sehen. Da ist dann dieses zynische Aufflackern für den Bruchteil einer Sekunde. Ein kleines stechendes Blitzen. Daran erkenne ich es sofort. Darin habe ich Übung. Ich vermeide es inzwischen, in ihre kalten Augen zu blicken. Ich sehe lieber aus dem Fenster oder bewundere ein Bild oder eine Skulptur oder sonst etwas Künstlerisches in ihren Büros. Diese Personalchefs haben immer ausgesprochen hübsch eingerichtete Büros.
Zu meinem Leidwesen habe ich feststellen müssen, dass weibliche Personalchefs die ärgsten von allen sind. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass Frauen die Berufswelt menschlicher machen würden. Aber das ist ein Irrtum. Sie sind noch härter und rücksichtsloser und verbissener als ihre männlichen Kollegen. Der Glaube, dass unter einer Weiberherrschaft alles sanfter und friedlicher sei, ist nichts als ein frommes Märchen.
Doch muss ich gestehen, dass es eine rühmliche Ausnahme gab, die meine Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht in ein nicht mehr ganz so dunkles Licht stellt.
Frau Müller-Demscheid war schätzungsweise Mitte dreißig und außergewöhnlich attraktiv. Moderne Kurz-Haarfrisur, dunkelblaues eng anliegendes Kostüm. Und sehr dynamisch. Natürlich hatte sie mich auch nicht eingestellt, aber ich musste ihr auf irgendeine Art sympathisch gewesen sein. Denn sie war die Erste die mich wie einen Menschen und nicht wie einen Bittsteller behandelt hatte.
Sie hörte mir zu, was ich ihr zu sagen hatte. Und sie hörte mir zu, als ich von meiner Frau und den Kindern erzählte. Und das tat mir gut.
Sie fragte mich, ob ich am Computer arbeiten könne, aber das musste ich zu meinem und auch – so glaube ich, zu ihrem Bedauern verneinen. Und damit war mein Bewerbungsgespräch beendet. Aber sie schenkte mir ihre angebrochene Schachtel Zigaretten und drückte mir zum Abschied herzlich die Hand. Das war vor sechs Wochen. Es kann auch schon etwas Länger zurückliegen. Wenn man über soviel freie Zeit verfügt wie ich, verliert man schnell sein Zeitgefühl.

Das ich nicht mit Computern umgehen kann, ist allein mein Versagen. Heutzutage, wo fast jeder einen Computer zu Hause hat, ist man ohne Computerkenntnisse eine Art lebendes Fossil. Dabei hatte ich sogar einmal einen Lehrgang besucht, der vom Arbeitsamt gefördert und bezahlt wurde. Vier lange Wochen hatte ich es mit so einem technischen Monster versucht, aber ich kam einfach nicht mit ihm aus. Und anscheinend war dieses technische Wunderding bereits so klug und ausgebrütet und hat sofort meine Abneigung erkannt und es mich überdeutlich mit unergründlichen und unvorhersehbaren Systemabstürzen spüren lassen, die selbst meinem Ausbilder vor ein Rätsel stellten. Ich will hier nicht, auch wenn es nahe liegt, von Rache sprechen. Aber die Chemie zwischen uns stimmte einfach nicht.
Und überhaupt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich mit so einem albernen Apparat zusammen arbeiten soll. Meine Abneigung gegen sogenannte nützliche Dinge des Lebens ist äußerst ausgeprägt. Und es will mir einfach nicht in den Kopf, wie Menschen sich freiwillig zu dieser jämmerlichen und idiotischen Sklavenarbeit erniedrigen lassen und dies auch noch im Namen eines verworrenen und unsinnigen Fortschrittsglauben gutheißen.
Ich verfüge wirklich über eine ungewöhnlich schöne Handschrift. In meiner Schulzeit wurde ich stets darum gelobt und erhielt sogar Preise. Und man hatte mir stets prophezeit, dass ein Mensch mit so einer schönen Handschrift immer sein Brot und Einkommen haben würde. Doch man kann Prophezeiungen nicht mehr so ohne Weiteres vertrauen. Schöne Handschriften sind nicht mehr gefragt. Sie haben keine Konjunktur, wie man das heutzutage sagt.
Mein linker Schuh ist inzwischen völlig durchweicht. Und ich fühle mit dem großen Zeh das Loch, wo dass Wasser eindringt. Maria wollte die Schuhe schon aussortieren, aber ich bestand darauf, sie noch einen Winter zu tragen. Zuerst braucht Maria ein neues Paar. Nächsten Winter bin dann ich wieder dran. Aber wie die Sache jetzt aussieht, brauchte ich doch auch ein neues Paar. Dann muss mit dem Kauf des Wintermantels noch gewartet werden. Und es wird wohl nicht nur bei dieser außerplanmäßigen Ausgabe bleiben. Die Kinder brauchen auch neue Winterkleidung. Dass wir im Frühjahr das Auto wieder anmelden, worauf sich Maria und die Kinder schon freuen, wird dann wohl noch eine Weile bis zum Sommer warten müssen.
Ich trinke meine zweite Tasse Kaffee.
Vor meinem Caféhaus-Fenster rennen Passanten mit riesigen Regenschirmen vorbei. Wie ein wild aufgeschreckter Ameisenhaufen hasten und hetzen sie durchs Leben. So als könnten sie ein Stück Zeit zurückgewinnen, dass sie zuvor verschwendet haben. Und je näher das Jahresende heranrückt, desto mehr Zeit versuchen sie aufzuholen.
Ich hingegen habe Zeit. Unendlich viel Zeit. Ich habe geradezu Zeit im Überfluss. Zeit ist das Einzige, was ich seit meiner Arbeitslosigkeit wirklich im Überfluss und im Übermaß besitze. Und ich habe lange dazu gebraucht sie zu genießen.
Ich schaue auf die Uhr hinter der Kuchentheke. Es wird langsam Zeit. Anna, die blonde Caféhaus-Inhaberin, ich schätze sie auf Mitte fünfzig, lächelt mir aufmunternd zu. Seit mehr als einem Jahr komme ich regelmäßig in das kleine Café. Sie weiß, dass ich arbeitslos bin. Ich habe es ihr, als wir miteinander ins Gespräch kamen, nebenbei erzählt. Seitdem schiebt sie mir, nicht immer, aber manchmal, einen kleinen Teil meines zusammengekratzten Kleingeldes wieder zurück.
Ich drücke meine Kippe im Aschenbecher aus und trinke den letzten Schluck lauwarmen Kaffee. In einer guten halben Stunde habe ich ein Vorstellungsgespräch. Mein erstes Vorstellungsgespräch seit zwei Wochen. Die Adresse hatte mir die attraktive Dame, die mir ihre Zigaretten schenkte, beim Verlassen ihres Büros noch schnell in die Hand gedrückt. Nicht dass ich glaube, dass man mich einstellen wird. Nein, aber ich gehe trotzdem hin. Ich tue es wegen Maria. Ich will sie nicht enttäuschen. Sie und die Kinder. Und nur deswegen gehe ich zu dem Termin. Und außerdem habe ich da noch diesen Satz im Hinterkopf, dass man die Hoffnung niemals aufgeben darf. Sie kennen diesen Satz sicher auch. Ein belangloser und blöder Satz, aber man weiß ja wirklich nie...

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© 2016 Hartmut Altz