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ans hörte die schweren Schritte langsam das Treppenhaus hinaufsteigen. Er lag im Bett und hielt die Ohren offen. Leise öffnete sich die Wohnungstür und
fiel kurz danach beinahe lautlos ins Schloss. Dann hörte er, wie die schwere Kette vorgelegt wurde. Sein Herz pochte und er konnte an seinem linken
Handgelenk den Pulsschlag ablesen.
Der Mond schien hell durch das halb geöffnete Fenster und der Wind spielte mit den Gardinen.
Hans wagte kaum zu atmen und löschte das Licht seiner Nachttischlampe. Angespannt achtete er auf jedes Geräusch. Er lag auf dem Bauch und seine Augen waren
auf die Tür gerichtet, um sie im richtigen Augenblick zu schließen, wenn sich die Tür öffnet. Aber noch hörte er nur, wie die Schritte im Flur hin- und
hergingen, wie die Schritte unruhig und unentschlossen ihren Weg suchten.
Hans schielte nach links zu dem Bett an der gegenüberliegenden Wand in dem sein kleiner Bruder Tim schlief. Ein schmales Holzbett, über dem ein
Indianer-Poster und Fußballschuhe hingen. Und daneben der kleine Schreibtisch. Wie stolz war Hans, als er ihn vor Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen
hatte. Die ganzen Feiertage über hatte er an ihm gesessen und gemalt und geschrieben. Aber jetzt gehörte er seinem Bruder. Sein neuer Schreibtisch war
größer und besaß mehr Stauraum, aber an dem alten hing noch immer sein Herz.
Er hörte seinen Bruder atmen.
Tim schlief tief und fest.
Dann hatte er die Tür wieder fest im Blick. Unter der Tür schimmerte durch einen dünnen Spalt gelbliches Licht, das wie Schwefeldampf ins Zimmer kroch.
Die vergangenen Wochen und Monate schlief Hans immer schlechter. Sah morgens müde und blass aus. Und konnte sich im Unterricht nicht konzentrieren. Auch
seine Leistungen wurden immer schlechter. Zwei Einträge hatte er deswegen im Klassenbuch. Aber er konnte nachts nicht schlafen. Nicht bevor die Schritte und die Geräusche verstummt waren. Diese gottverdammten Schritte und diese furchtbaren Geräusche in der Nacht. Angst überkam
ihn, wenn er sie hörte. Wie sehr er diese Schritte hasste! Wie sehr er sich vor diesen Geräuschen fürchtete! Wenn das Alles nur ein Ende hätte! Auch wenn
er nicht wusste, wie das Ende aussehen sollte. Es sollte nur endlich vorbei sein. Mehr wollte er nicht.
Die Schritte kamen näher. Er konnte an ihrem Klang hören, wie sie immer näher und näher auf sein Zimmer zu kamen.
Dann öffnete sich die Tür. Ganz leise, fast geräuschlos. Blitzschnell schloss er die Augen und stellte sich schlafend. Durch eine kleine Öffnung, zwischen
den Wimpern hindurch, die sich wie dunkle Schleier vor das Bild legten, erkannte er die große und dunkle Gestalt, die sich wie ein unheilvolles Monument
aus dem grellen Licht ins Zimmer drängte: Vater.
Der Alte war endlich nach Hause gekommen, nachdem er die halbe Nacht wieder gesoffen hatte. In einer speckigen und dreckigen Kneipe mit noch dreckigerem
und speckigerem Gesindel. Das war der Umgang den der Alte bevorzugte. Indem er sich pudelwohl fühlte. Allein dafür hasste er ihn.
Gestank von billigem Schnaps und kaltem Zigarettenrauch strömte durchs Zimmer.
Er hörte wie sein Herz unter der Bettdecke pochte und er hatte Angst, dass es auch der Alte hören könnte. Aber der drehte sich unerwartet um, schloss die
Tür und ging durch den Flur ans andere Ende der Wohnung hinüber ins elterliche Schlafzimmer. Hans fürchtete sich davor, was jetzt wieder kommen würde, was
immer öfters vorkam in letzter Zeit. Und davor hatte er genauso viel Angst. Aber an diesem Abend blieben diese furchtbaren Geräusche aus, die sonst so oft
folgten, wenn sich die Tür zum elterlichen Schlafzimmer in der Nacht öffnete und wieder schloss.
Hans drehte sich auf den Rücken und hielt die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Es war gut gegangen, aber er kannte es auch anders: Der Alte kam ins
Zimmer, riss ihn aus dem Schlaf und verprügelte ihn. Oft nur mit der bloßen Hand, aber auch mit dem Ledergürtel, auf dem die Worte Gott mit uns
eingraviert stehen. Warum der Alte so eine Wut und Zorn auf ihn hatte wusste er nicht. Früher hatte der Alte ihn nur selten geschlagen. Hier und da eine
Ohrfeige. Aber vor einem Jahr kam der Alte zum ersten Mal mitten in der Nacht ins Zimmer, riss ihn wortlos aus dem Schlaf und verprügelte ihn. Einfach so
ohne einen Grund. Und dann wiederholte sich das Ganze wöchentlich. Aber seit einem halben Jahr musste er damit rechnen, dass ihn der Alte je nach Lust und
Laune aus dem Schlaf riss und verprügelte, wenn er aus der Kneipe kam. Und der Alte hing fast jeden Abend in der Kneipe. Das Ganze verlief wortlos: Hans
schwieg, während die Faust oder der Lederriemen auf ihn einschlug und der Alte schwieg bis er erschöpft das Zimmer verließ.
Hans hatte längst aufgehört darüber nachzudenken, warum ihn der Alte prügelte. Anscheinend musste er seine Wut oder seinen Zorn oder was es sonst war an
irgendeinem auslassen. Und das war nun einmal er.
Oder Mutter.
Das waren die Geräusche, wovor er sich am Meisten fürchtete, dieses Wimmern und Heulen, wenn der Alte auf sie einschlug: die unterdrückten Schmerzen, damit
Tim und er nicht wach wurden. Aber Hans hatte sie gehört. Es war keine drei Wochen her, da war er nachts wach geworden von den fürchterlichen Geräuschen
und war ihnen gefolgt. War er aufgestanden und durch die dunkle Wohnung getappt und hatte nach den Geräuschen gesucht, die sich wie das Wimmern und Heulen
eines Kindes anhörten. Die Geräusche kamen aus dem Schlafzimmer der Eltern. Er hatte vorsichtig die Tür einen Spalt geöffnet und gesehen, wie die massige
Gestalt seines Vaters auf Mutter saß und auf sie brutal einschlug. Seine Mutter war halbnackt und er hatte zum ersten Mal ihre Brüste gesehen. Sie waren
klein und eingefallen. Er schloss die Tür und ging zurück in sein Bett.
Er verstand nicht, was er gesehen hatte: Vater schlug und prügelte Mutter. Und Mutter wehrte sich nicht! Nein, sie winselte und wimmerte wie ein kleines
Kind!
Am anderen Morgen beobachtete Hans Mutter voller Neugier und Mitleid. Aber Mutter sah man nichts an. Sie war wie immer. Und ließ sich auch sonst nichts
anmerken. Und Hans überlegte, ob er das Alles vielleicht nur geträumt hatte, aber dann sah er an ihrer linken Schläfe den blauen Flecken und den Abdruck
von Vaters Ring. Und das sie am Morgen Make-up aufgelegt hatte, was ungewöhnlich war, oder was ihm bisher nur noch nicht aufgefallen war.
Zwei Tage später hörte er wieder diese Geräusche. War er aufgestanden und leise auf Zehenspitzen aus dem Zimmer auf den Flur getreten und vor der dem
elterlichen Schlafzimmer stehengeblieben und hatte gelauscht. Die Tür öffnete er nicht. Er wollte nicht sehen, was er nur allzu deutlich hörte.
Und dann hatte er sie gefragt. Am nächsten Tag. Das war das erste Mal, dass er mit Mutter darüber redete.
“Warum schlägt dich Vater?“
“Was sagst du da?“, fragte seine Mutter und sah ihn an, als hätte er ihr gebeichtet, dass er in diesem Jahr sitzenbleibt. “Sag das noch einmal, ich habe
dich nicht verstanden. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.“ Sie strich ihre linke Stirnlocke, die ihr tief ins Gesicht fiel, wenn sie den Kopf
neigte, mit einer kurzen nervösen Bewegung zurück.
“Ich habe dich gefragt, weshalb Vater dich schlägt. Und du hast mich auch verstanden. Warum macht er das?“
“Dummes Zeug! Ach, was du nur wieder daher redest! Iss lieber dein Brot und trink deine Milch! Milch ist wichtig für die Knochen! Also trink gefälligst
deine Milch! Wie kommst du nur auf diesen verrückten Gedanken Junge? Nein, Vater würde mich nie schlagen! So etwas tut dein Vater nicht. Er ist ein guter
Mensch. Es ist einfach nicht zu glauben. Lass das nur Vater nicht hören. Mein Gott, wenn ich nur daran denke ...“
“Doch er schlägt dich. Ich habe es gesehen. Und du lässt es dir gefallen! Warum nur? Ich verstehe das nicht?“
“Iss und trink und denk an deine Schulsachen! Sonst steht wieder in deinem Mitteilungsheft, dass ich zu einem Gespräch mit deinem Klassenlehrer kommen
soll. Und darauf kann ich gerne verzichten. Das letzte Mal hat mich dein Klassenlehrer so vorwurfsvoll angestarrt. Er hat grüne Schweineaugen. Ganz seltsam
ist es mir geworden. Und er riecht auch nicht gut. Er müsste sich öfter mal waschen.“
Sie lachte. Aber ihr Lachen war nicht echt und als sie den Tisch abräumte, ließ sie zwei Teller auf den Boden fallen. Die Scherben hob sie mit den Fingern
auf und holte sich dabei einen blutigen Zeigefinger.
Hans steckte unwillig den letzten Bissen Brot in den Mund und schob ihn im Mund hin und her. Das Frühstück war die Mahlzeit, auf die, wenn es nach ihm
ginge, er liebend gerne verzichten würde, aber Mutter bestand darauf, dass er nicht mit leerem Magen in die Schule ging.
Wenn Mutter nicht darüber reden wollte, dann war das ihre Sache, aber er wusste, was er gesehen hatte. Und er hasste den Alten dafür. Und er wusste, dass
der Tag kommen würde an dem der Alte ihn das letzte Mal den Gürtel über den Rücken schlug. Das war so gewiss wie die Erde eine Kugel ist. Und das Mutter
das schweigend und klaglos hinnahm, sich schlagen und prügeln ließ ohne sich zur Wehr zu setzen, konnte er nicht verstehen. Aber auch das wird ein Ende
haben. Und das ist so wahr, wie es keinen gerechten Gott gibt.
Nur den kleinen Tim verschonte der Alte. Der war sein Liebling. Der bekam keine Prügel. Ihn begleitete der Alte auch auf den Sportplatz zu seinen
Fussballspielen. Ihn, Hans, hatte er noch nie begleitet, obwohl er in der Jugendmannschaft und in der Schulauswahl gespielt hatte: linke Sturmspitze. In
der vorletzten Saison hatte er acht Tore geschossen. Die Väter seiner Kameraden kamen alle auf den Sportplatz. Nur sein Alter kam nicht. Der saß lieber mit
seinen Saufkumpanen in der Kneipe und verspielte den halben Wochenlohn beim Kartenspiel.
Inzwischen hatte Hans den Verein verlassen. Fußball hätte er gerne weitergespielt, wenn nicht die schlechteren Spieler nur deswegen in die Mannschaft
gekommen wären, weil deren Väter am Spielfeldrand standen und der Trainer keine Courage hatte nur die besten Spieler auflaufen zu lassen. Aber so hatte er
keine Lust mehr.
Mutter ging früher dreimal in der Woche zu Lehmanns putzen. Die haben das Lebensmittelgeschäft Am Kreuzsteg. Aber dann spielte Mutters Rücken nach ihrem
zweiten Bandscheibenvorfall nicht mehr mit. Der Alte war deswegen ganz schön stinkig, denn das Geld hatte er immer gerne einkassiert.
Frau Lehmann sah ihn immer scheel an, wenn er Mutter abholte, und tat so, als müsse sie die silbernen Löffel nachzählen. Er konnte die Lehmanns nicht
leiden, zum einen weil sie die Leute betrogen, in dem sie für gutes Geld schlechte und verdorbene Ware verkauften, und zum anderen, weil sie allesamt übel
rochen. Das er Menschen danach beurteilte wie sie rochen, hatte er von Mutter geerbt. Sie unterschied die Menschen in die, die sie riechen und die, die sie
nicht riechen konnte. Und Lehmanns stanken penetrant. Sie stanken nach Lauch und kaltem Schweiß. Und ihr kalter Schweiß roch nach Waschküche. Die ganze
Wohnung stank nach Waschküche. Und jedes Mal wurde ihm speiübel, wenn er Mutter abholte, und er war immer froh, wenn sie wieder draußen an der frischen
Luft waren.
Mit Manne, der Jüngste der Lehmanns, es gibt sieben, war er in der Grundschule und hatte zwei Wochen neben ihm gesessen. Der stank so entsetzlich, dass er
sich mitten im Unterricht hatte übergeben müssen. Daraufhin durfte er den Platz wechseln. Außerdem spuckte Manne, wenn er redete, wie ein Lama, dass kam
von der Lücke an den Schneidezähnen, zwischen die mühelos ein Mark-Stück passte.
Hans sah auf die Uhr auf seinem Nachttisch. Die Uhr zeigte halb drei. Er drehte sich auf die rechte Seite und schloss die Augen. Morgen würde er wieder im
Unterricht sitzen und kaum die Augen aufhalten können.
Der Morgen kam und Hans stand um sechs Uhr auf. Er stellte den Wecker aus und blickte hinüber zu Tim, der noch feste schlief. Der hatte heute später
Unterricht und dann auch nur zwei Stunden.. Du Glückspilz, dachte Hans neidisch.
Dann zog er sich an.
Mutter war in der Küche und es roch nach Kaffee. Er aß still eine Scheibe Brot und trank ein Glas Milch. Viel lieber hätte er Kaffee getrunken, aber Mutter
war noch immer der Meinung, dass es für ihn besser sei, wenn er Milch trank.
Mutter sah gut aus an dem Morgen. Sie sah für ihr Alter überhaupt gut aus. Es hatte sich noch kein einziges graues Haar in ihren dunklen Locken versteckt.
Und wenn sie nicht immer dieselben Klamotten tragen würde, die Hosen und Hemden, bis sie alt und ausgebleicht an ihr herunter hingen, dann hätte sie sich
nicht hinter den Frauen, die sie im Fernseher heraus putzten, nicht verstecken müssen. Nur ihre Hände sahen schlimm aus: sie waren rot und aufgerissen und
rau. Und wenn sie einen streichelte, fühlte es sich an, als seien sie aus Sandpapier.
Er stellte den Rucksack auf den Stuhl und packte das Pausenbrot ein.
“Leise, Vater schläft noch.“
Sie sah hinüber zum Flur und der verschlossenen Schlafzimmertür.
Hans nickte.
“Kannst du für mich nach der Schule ein paar Besorgungen erledigen? Wir brauchen Lebensmittel und vor allem neue Sicherungen. Die letzte habe ich gestern
rein gedreht. Der Staubsauger spielt verrückt, wenn ich nur den Stecker in die Steckdose stecke. Jedes Mal knallt mir die Sicherung durch.“
“Ja, mache ich.“
“Lieb von dir.“
“Vielleicht liegt es an der Steckdose. Nimmst du immer dieselbe?“
“Da muss ich überlegen – warte, ich denke schon. Ich nehme immer das Verlängerungskabel, du weißt schon -.“
“Ich sehe, wenn ich aus der Schule komme einmal nach. Und auch nach dem Staubsauger. Ist bestimmt keine große Angelegenheit. Wenn du willst kann ich...“
“Was kannst du?“
Hans drehte sich um. Der Alte stand in Hosenträgern und Unterhemd hinter ihm und kratzte sich am Kopf. Die ungekämmten Haare standen in wirren Büscheln ab.
“Also was kannst du?“, fragte er unwirsch, während er sich hinsetzte und Mutter ihm Kaffee einschenkte.
“Mutter sagt, dass etwas mit dem Staubsauger nicht stimmt. Vielleicht ist nur ein Kabel lose.“
“Soso“, murmelte er.“Das meint also deine Mutter.“
“Ja.“
Hans blickte in schwarze Augen die hinter dichten Augenbrauen tief im Gesicht lagen. Die Augen sagten nichts. Sie starrten ihn nur öde und leer an. Der
breite Mund hing halboffen über der Kaffeetasse und sog schlürfend die dunkle Flüssigkeit auf. Für einen Augenblick entspannten sich die Lippen zu einem
Grinsen, doch dann schüttelte sich der ungekämmte und unrasierte Kopf zu einer demonstrativen Bewegung in Richtung seiner Mutter.
“Vielleicht ist sie auch nur zu blöd um mit dem Sauger richtig umzugehen. Pah! Weiber und Technik! Und ich muss am Schluss wieder für die Kosten
aufkommen!“
“Aber...“
“Nichts aber! Außerdem hat dein Sohn zwei linke Hände. Vielleicht macht er den Staubsauger nur noch ganz kaputt. Ich werde lieber selbst nachsehen. Ich bin
es schließlich, der ihn gekauft und bezahlt hat.“
“Ja, aber!“
“Nichts! Ich will nicht weiter darüber reden.“
Die rechte Hand schlug schwer auf den Küchentisch. Es war die Hand die ihn prügelte. Und die von dicken blauen Adern durchzogen war, die aussahen wie
Flüsse auf einer Landkarte.
“Ja“, sagte Mutter. “Wie du meinst.“
Hans stand auf und packte sein Schulzeug. Es gab Tage, da ging er sogar ganz gerne in die Schule. Und so ein Tag war heute.
Als Hans nach der sechsten Unterrichtsstunde aus der Schule kam, sah er schon von Ferne, dass ein Rettungswagen vor dem Haus und Leute um den Hauseingang
standen. Er ging einen Schritt schneller. Er hatte ein ungutes Gefühl. Was war passiert? Und wieder bekam er dieses beklemmende und erdrückende Gefühl, das
er so gut kannte. Das ihm den Hals zuschnürte -, dass sein Herz schneller schlagen ließ, immer dann, wenn er eine böse Vorahnung hatte.
Die halbe Nachbarschaft stand auf der Straße. Bekannte Gesichter. Auch die Frau des Bäckers von gegenüber. Ein Rettungswagen stand nicht jeden Tag in der
Straße. Deshalb hatte es sie aus ihren Löchern getrieben. Einige redeten aufgeregt miteinander und andere standen nur da und glotzten. Aber Hans sah das
nicht. Er nahm die Menge wahr, aber er beachtete sie nicht.
Hans rannte ins Haus und die Treppen hinauf. Auf dem Zwischenstock kamen ihm Sanitäter mit einer Trage entgegen und dann sah er, dass ihn sein ungutes
Gefühl nicht betrogen hatte: es war Mutter. Sie hatte einen dicken weißem Verband um den Kopf.
Hans sah nach oben. Tim stand an der Tür und weinte. Und der Alte stand neben ihm und hatte seine behaarte Hand auf Tims Schulter gelegt. Die Hand hatte
Kratzspuren. Sein Gesicht war ausdruckslos und stumpf.
“Sie ist von der Leiter gefallen, das blöde Weib! Nur von der Leiter! Ich kann doch nichts dafür, dass sie so blöd ist und die Leiter herunterfällt. Also,
was glotzt ihr mich alle nur so blöd an? Es ist noch nicht meine Schuld!“
Einer der Sanitäter, der jüngere, schüttelte den Kopf und Hans zwängte sich an ihm vorbei.
“Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Sie wird schon wieder, Junge“, sagte der andere.
Hans nickte stumm. Er brachte kein Wort heraus.
“Ja, in ein paar Tagen bin ich wieder zu Hause“, flüsterte eine trockene und brüchige Stimme. Und er spürte ihre raue Hand auf seiner. Er hielt die Hand
fest und streichelte sie. Mutter lächelte.
Dann trugen die Sanitäter die Trage an Hans vorbei die Treppen nach unten. Er blieb stehen und sah ihnen nach.
“Ich kann doch nichts dafür, dass dieses blöde Weib von der Leiter fällt“, brüllte er wieder von oben die Treppen hinab. Und von unten antwortete ein
hämisches Lachen.
Wortlos ging Hans in sein Zimmer, warf sich aufs Bett und vergrub den Kopf im Kissen. Nein, er würde nicht weinen. Das würde er nicht. Diesen Triumph würde
er dem Alten nicht gönnen.
Es war weit nach Mitternacht als er die Schritte in dieser Nacht hörte. Die Schritte die ihn nicht ruhen und schlafen ließen. Schritte die in seinen Ohren
wie eine Herde wilder Pferde klangen. Aber diesmal fürchtete er sich nicht vor ihnen! Nein! Er erwartete sie mit Spannung und Aufregung! Er sehnte sie
nahezu herbei!
Tim schlief. Und das war gut.
An diesem Abend würden die Schritte nicht an seinem Zimmer vorbeigehen. Das wusste er. Nicht an diesem Abend! Das hörte er schon daran, wie der Alte die
Wohnungstür aufschloss und mit Wucht ins Schloss warf. Und wie er mit Wut die Kette vorlegte.
Heute war er dran. Das wusste er. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich die Tür zu seinem Zimmer öffnete.
An den Schritten erkannte er auch, dass der Alte betrunkener war als sonst. Dafür hatte er inzwischen ein Ohr. Er konnte an dem Geräusch, wie die schweren
Stiefel auf dem Fußboden polterten abschätzen wie betrunken er war. Und heute hatte er schwer getrunken. Das machte die Sache einfacher. Er konnte es kaum
erwarten.
Die Tür öffnete sich und der Alte hielt den Gürtel in der Hand. Sein Gesicht war aufgedunsen und sein Blick hat etwas Tierisches und Gemeines an sich.
Schritt für Schritt näherten sie sich seinem Bett. Und dann riss die Hand zum letzten Mal die Bettdecke hoch, so wahr wie die Erde eine Kugel und Gott
ungerecht ist.
Denn noch bevor der Gürtel auf Hans niederprasselte und ihm die Haut auf dem Rücken aufriss, drehte Hans sich um und schlug zu. Er schlug zu, wie er noch
nie in seinem Leben zugeschlagen hatte. Und er traf den Alten mit einem einzigen Schlag seines Baseballschlägers mitten ins Gesicht, dass der schreiend zu
Boden fiel.
Darauf hatte er gewartet. Hatte wachgelegen und mit der Hand fest den Schläger umfasst.
Er sprang mit einem Satz aus dem Bett und schlug wieder und wieder zu. Und der Alte schrie nur kurz auf, hielt schützend die Hände über seinen Kopf, aber
der Schläger raste zwischen ihnen hindurch und schlug mit einem dumpfen Hall immer und immer wieder ein.
Blut rann über das Gesicht des Alten. Und Blut klebte an dem Schläger. Hans prügelte wie ein Besessener auf den vor ihm wimmernden Körper ein.
Er fühlte sich mit jedem Schlag befreiter und erlöster, als würde ihm eine Last von der Seele genommen. Schlug und prügelte solange auf das jammernde Etwas
vor ihm ein, bis es regungslos und zerschmettert vor ihm auf dem Boden lag.
Hans war außer Atem. Sein Herz pochte als wolle es aus seiner Brust springen. Er warf sich rücklings aufs Bett und atmete tief durch. Es dauerte eine ganze
Weile bis er sich beruhigte, bis sein Atem wieder ruhiger und gleichmäßiger wurde.
Dann knipste er die Nachttischlampe an.
Er starrte auf den Schläger in seiner Hand: er war blutverschmiert. Danach ging sein Blick zum Boden. Das Etwas vor ihm bewegte sich nicht. Er hatte es
zerstört. Ein für allemal. Niemals würde dieses Etwas wieder seine Hand gegen ihn oder Mutter erheben. Nie wieder. Und er fühlte sich nicht schlecht dabei.
Der Gedanke einen Menschen getötet zu haben kümmerte ihn nicht. Er hatte keine Wahl gehabt. Was zu tun war, hatte er getan. Und es reute ihn nicht.
Erst als er sich wieder beruhigte und seine Augen langsam durch das Zimmer wanderten, sah er das Tim mit weit aufgerissenem Mund auf dem Bett saß.
Hans ließ den Schläger auf den Boden fallen. Dann stand er langsam auf.
“Ist Vater tot“, fragte Tim. “Hast du ihn umgebracht?“
Hans zuckte mit den Schultern.
“Ist Vater tot?“, wiederholte Tim.
“Ich weiß nicht“, sagte Hans. Und dann setzte er knapp hinzu: “Hoffentlich.“
Hans stand auf und nahm die gepackte Tasche, die hinter dem Bett stand und warf sie aufs Bett.
“Was hast du vor?“
“Ich verschwinde“, sagte Hans. “Hier kann ich nicht bleiben, das siehst du doch ein. Nicht nachdem ...“
“... du Vater umgebracht hast.“
“Du sagst es.“
“Ich hab in der Flimmerkiste gesehen, in Südamerika gibt es Länder, die liefern niemanden aus", sagte Tim.
“Soso.“
“Auch keine Mörder!“
Hans zuckte bei dem Wort Mörder zusammen. Es klang schrecklich und grausam in seinem Ohr. Und doch war es nur die Wahrheit. Als er den Alten
niederknüppelte war ihm zu keinem Augenblick in den Sinn gekommen, dass er zum Mörder wurde. Doch als Tim jetzt das Wort Mörder aussprach, da
wusste er, dass sie ihn jetzt alle so nennen würden und schlimmer noch: Vatermörder! Schon morgen würden sie ihn so in den Zeitungen nennen und hetzen und
den Stab über ihn brechen. Er würde es nicht verhindern können.
“Südamerika wäre wirklich prima“, sagte Tim.
"Weiß nicht. Erst mal nur weg von hier...“
“Nimm mich mit, Hans.“
“Nein, das geht nicht. Du musst hier bleiben. Wenn ich weg bin, rufst du die Polizei. Warte aber noch ein paar Stunden, bis es hell ist.“
“Ich will aber nicht alleine hierbleiben.“
“Du musst, Tim. Außerdem, wenn Mutter aus dem Krankenhaus kommt, braucht sie jemanden. Also du musst bleiben und kein Wort mehr.“
“Ich will aber...“
“Na gut, Tim. Darüber reden wir heute Abend. Ich werde mich erstmal in die Hütte vom alten Peck verziehen. Die steht leer und niemand wird mich da suchen.
Und dann werden wir weitersehen. Du hältst hier solange die Stellung. Und heute Abend kommst du. Aber pass auf, dass dir niemand folgt.“
“Klar, passe ich auf. Bin doch nicht blöd.“
“Und bring Essen mit. Ein paar Dosen wären nicht schlecht. Und Brot. Vielleicht kannst du auch etwas Geld auftreiben.“
“Mach ich.“
“Also ich verschwinde.“
“Und... und was soll ich...“
Tim zeigte auf das zusammengekrümmte Etwas auf dem Boden, dass wie ein Haufen Müll dalag.
“Die Bullen wissen schon, was sie tun müssen. Überlass das denen. Wenn sie dich fragen, dann sagst du, dass du geschlafen hast und als du aufgewacht bist –
na, dir wird schon was einfallen. Und leg dich ins Wohnzimmer, wenn du den Anblick nicht aushältst. Und schlafe noch ein paar Stunden. Du kannst es doch
nicht mehr ändern.“
Als Tim am Abend zur Hütte kam, trug er einen Rucksack und zwei vollgepackte Taschen mit sich. Seine Wangen glühten vor Erregung.
Die Sonne verschwand am Horizont und von irgendwo aus einem nahen Tal klang keifendes Hundegebell. Dunkle Wolken zogen auf. Es sah nach Regen aus.
Hans hatte sich eingerichtet und den Ofen in Betrieb gesetzt. In der einen Ecke stand ein altes Bett und ein Schrank. Und in der anderen ein Tisch mit zwei
wackligen Stühlen. In einer Schublade hatte er altes Geschirr gefunden. Und allerlei Krimskrams, den er gut gebrauchen konnte. Das war mehr als er erwartet
hatte. Nur mit dem Licht gab es Probleme, aber schließlich hatte er doch eine alte Öllampe aufgestöbert, zwischen dem Gerümpel, die genug Licht abgab.
Außerdem fand er einen Vorrat an Kerzen. Einzig fließendes Wasser fehlte. Aber es gab einen Brunnen hinter der Hütte.
Der alte Peck hatte bis vor zwei Jahren hier gewohnt. Bis sie ihn in ein Pflegeheim steckten. Seitdem stand die Hütte leer und der Garten verwilderte.
Hans wusste nicht, ob der alte Peck überhaupt noch lebte. Aber das kümmerte ihn im Augenblick nicht. Das was ihm Tim erzählte kümmerte ihn viel mehr.
“Dir ist niemand gefolgt?“
“Nein, natürlich nicht“, antwortete Tim. Er sah Hans beleidigt an.
“Ist schon gut. War auch nur eine Frage.“
Hans hockte sich aufs Bett. Und Tim setzte sich gut gelaunt auf den Tisch und stellte die Füße auf einen Stuhl.
“Und der Alte lebt wirklich?“
“Ja, er lebt.“
“Die Bullen hast du also nicht gerufen?“
“Nein. Warum auch? Ich hab dir doch gesagt, plötzlich stand Vater im Wohnzimmer. Er wusste zuerst überhaupt nicht was passiert war. Hat mich gefragt, ob
ich wüsste ..., aber ich habe nichts gesagt ..., ganz ehrlich. Als er wieder nüchterner war, ist er dann von selbst dahinter gestiegen was passiert ist.
Und seitdem brüllt er nur noch. Läuft in der Wohnung auf und ab wie ein wild gewordener Tiger. Kannst du dir ja vorstellen. Du hast ihn auch ziemlich übel
zugerichtet, dass muss man dir lassen, aber du hast ihn nicht getötet.“
“Das hört sich nicht gut an ...“
“Nein, er ist ziemlich sauer auf dich. Brüllt rum, dass er dich umbringt, wenn er dich in die Finger kriegt. Und ich denke, er meint es ernst. So wie du
ihn zugerichtet hast. Du hast ihm die Nase plattgehauen, den Kopf blutig und zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Und du weißt, wie stolz er auf seine schönen
Zähne ist.“
“Haben auch 'ne hübsche Stange Geld gekostet ...“
“Und ich hatte Glück, dass er nicht mich verprügelte. Es hätte nicht viel gefehlt. Er braucht offenbar immer einen bei dem er seine Wut auslassen kann. Und
da Mutter im Krankenhaus liegt und du untergetaucht bist ... Du siehst jetzt hoffentlich ein, dass du mich mitnehmen musst.“
“Sieht so aus. Obwohl es mir nicht gefällt. Das kann ich dir sagen. Mir überhaupt nicht gefällt. Aber es ist besser, wenn du fürs Erste bei mir bleibst,
aber irgendwann werde ich dich zurückschicken. Und dann wirst du gehen. Mutter braucht jemanden, der sich um sie kümmert. Sonst bleibst du gleich hier. Ist
das versprochen?“
“Ja. Ja. Versprochen.“
Tim strahlte und sprang mit einem Satz vom Tisch. Er stellte die Tüten darauf und packte sie aus.
“Eine Wolldecke habe ich im Rucksack. Die Nächte sind kalt. Man weiß nie, wie der Sommer wird. Außerdem habe ich mein Sparschwein geplündert.“
Er nahm den Inhalt aus der Hosentasche und legte ihn auf den Tisch. Hans überflog mit einem Blick die Münzen und den einzigen Schein.
“Mit meinen Kröten wird es eine Weile reichen. Aber wir müssen uns einschränken. Wird nicht leicht. Das sage ich dir. Und mit Sonderwünschen brauchst du
mir gar nicht erst zu kommen.“
“Ich brauche nicht viel. Wenn wir nur zusammen bleiben. Ich hab dir auch eine Flasche Wein mitgebracht.“
Er nahm sie aus dem Rucksack, hob sie hoch und lachte.
“Das ist lieb“, sagte Hans. “Aber lass uns zuvor essen. Ich denke, wir machen die Dose Ravioli auf. Der Ofen ist gut vorgeheizt. Und hol die Teller aus dem
Schrank. In der unteren Schublade ist Besteck.“
Hans und Tim lagen im Bett. Tim hatte sich auf die Seite zur Wand hin gedreht und Hans lag auf dem Rücken. Er hatte sich den Bauch mit Ravioli voll gehauen
und hinterher noch zwei Stück abgepackten Streuselkuchen verdrückt. Die leere Weinflasche stand noch auf dem Tisch und daneben zwei Gläser. In seinem Kopf
kribbelte es. Und ein angenehmes und wunderbares Gefühl durchzog ihn.
Es war zehn Uhr vorbei und dunkel. Die Stille war unheimlich. Nicht ein Laut war zu hören.
“Hans?“
“Ja, Tim.“
“Weißt du wirklich noch nicht wohin wir gehen?“
“Nein.“
“Aber weit...?“
“Ich denke, ja.“
“Hast du dir das mit Südamerika überlegt?“
“Nein, noch nicht.“
“Es ziemlich weit weg. Soll 'ne Menge Banditen da drüben geben. Und Indianer. Die laufen noch völlig nackt herum. Nur wo die Missionare sind müssen sie
Klamotten tragen, weil die sagen, dass es Sünde ist nackt herumzulaufen. Ich kann das nicht glauben. Und du?“
“Nein, ist nur blödes Pfaffengeschwätz.“
“Und du überlegst dir das mit Südamerika?“
“Ja, versprochen.“
“Ich bin gern mit dir zusammen, weißt du das?“
“Bin ich auch.“
“Und ich habe auch keine Angst. Egal wohin wir gehen.“
“Das brauchst du auch nicht.“
“Du bist kein schlechter Kerl, wie Vater immer behauptet. Und ich kann überhaupt nicht verstehen, wieso er dich andauernd verprügelt.“
“Ich auch nicht.“
“Hasst du Vater?“
“Ich weiß nicht. Als ich auf ihn einschlug, da habe ich ihn gehasst. Jetzt hasse ich ihn nicht mehr. Ich bin sogar froh, dass ich den Alten nicht getötet
habe. Aber das spielt keine Rolle mehr. So oder so muss ich von hier verschwinden.“
“Und Mutter ...“
“Ich werde sie morgen im Krankenhaus besuchen.“
“Du willst es ihr sagen?“
“Nein, wo denkst du hin! Sie würde sich nur unnötig Sorgen machen und mich bitten hierzubleiben, aber das kann ich nicht. “
“Sie wird traurig sein. Sie mag dich sehr.“
“Ich kann es nicht ändern. Und schließlich hat sie noch dich. Du wirst zurückgehen, wenn sie wieder gesund ist. Das hast du mir versprochen.“
“Ja, das habe ich.“
“Dann ist es gut. Und jetzt schlaf.“
“Hans?“
“Ja, Tim?“
“Glaubst du an Gott?“
“Wieso willst du das wissen?“
“Ich verstehe nicht, dass Gott es zulässt, dass wir nicht miteinander auskommen: Vater und du. Und auch das Vater und Mutter immerzu streiten.“
“Das kann ich dir auch nicht sagen. Vielleicht hat er keine Zeit sich um jeden Einzelnen von uns zu kümmern.“
“Ich denke, es gibt überhaupt keinen lieben Gott. Und wenn es Gott gibt, nach dessen Willen alles in unserem Leben bestimmt ist, so wie sie es uns im
Religionsunterricht erzählen, dann ist er kein lieber Gott.“
“Schlaf jetzt, Tim.“
“Ja, gute Nacht.“
Hans war früh aufgestanden und den Weg in die Kreisstadt zu Fuß gegangen. Die Fahrkarte für den Überlandbus hatte er sich aufgespart.
Das wenige Geld das sie hatten musste für anderes und wichtigeres aufgespart bleiben.
Tim hatte er zurückgelassen. Er wollte mit Mutter alleine reden. Es war gut möglich, dass er sie heute das letzte Mal in seinem Leben sah. Vielleicht würde
er sie nie wieder sehen. Der Gedanke daran trieb ihm Tränen in die Augen. Und an allem war nur der Alte Schuld. Und trotzdem war er froh doch kein
Vatermörder zu sein. Diese Schuld, an der er vielleicht ein Leben lang hätte tragen und büßen müssen, war an ihm vorbeigegangen. Aber es hatte das Dilemma
nicht beseitigt in dem er sich befand.
Mutter war zu schwach. Sie konnte sich selbst nicht einmal helfen. Wie sollte sie ihm helfen? Nein, er hatte keine andere Wahl. Er musste gehen und sein
Glück irgendwo da draußen in der Welt suchen. Denn trotz allem Unglück das der Alte ihm angetan hatte, gehörten Vater und Mutter unverbrüchlich zusammen;
waren und blieben sie eine Einheit für ihn, die er sich getrennt nicht vorstellen konnte. Darin lag seine Verzweiflung. Und hiervon musste er sich trennen.
Musste er sich trennen - indem er beide verließ. Einen anderen Ausweg wusste er nicht. Vielleicht kamen Vater und Mutter ohne ihn besser miteinander aus.
Wenn der Störenfried gegangen war, dann konnte der Rest der Familie vielleicht wieder zusammenfinden.
Seine Mutter lag in einem Dreibettzimmer und schlief als Hans kam. Die zwei anderen Frauen lasen. Er setzte sich an ihr Bett. Von ihrem hübschen Gesicht
war nichts zu sehen. Ein starker Verband verbarg es fast vollständig. Nur der Mund und ein kleines Stück von der Nase war zu sehen. Er sah auch, dass das
rechte Bein eingegipst war. Sie hatte sich bei ihrem Sturz nicht nur den Kopf verletzt, sondern auch noch ein Bein gebrochen.
Hans fühlte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Die versöhnlichen Gedanken, die er auf dem Weg ins Krankenhaus gegenüber dem Alten aufgebracht hatte,
waren verflogen, als er sah, was der Alte angestellt und verbrochen hatte. Und von Schuld und Reue seinerseits war nichts mehr in ihm zu spüren.
“Ach, du bist es, mein Junge“, sagte Mutter, als sie die Augen aufschlug. Ihr Mund verzog sich zu einem flüchtigen Lächeln. In ihren Augen konnte er lesen
wie sehr es sie anstrengte und schmerzte. Hans nahm ihre Hand und hielt sie fest in der seinen. Zum ersten Mal sah er, dass ihre Hände kleiner waren als
die seinen, dass sie in seiner Hand wie kleine Kinderhände lagen. Er streichelte mit seinem Daumen ihren Handrücken.
“Was macht Tim? Geht es ihm gut?“
“Ja, es geht ihm gut.“
“Du passt doch gut auf ihn auf?“
“Ja, das tue ich. Mach dir keine Sorgen. Er lässt dich schön grüßen.“
“Und Vater? Was macht Vater?“
Hans senkte den Kopf.
“Ich weiß, du gibst ihm die Schuld. Aber es war einzig und alleine meine Schuld. Ich hätte besser aufpassen müssen. Die Leiter war nicht richtig
aufgestellt, sie wackelte und das habe ich nicht bemerkt und dann bin ich gestürzt. Vater hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Er saß im Wohnzimmer und
las Zeitung. Ich hätte einfach besser aufpassen müssen.“
“Ja, besser aufpassen...“, wiederholte Hans. Und er wiederholte die Worte wie ein fernes Echo.
“Ich bin halt unvorsichtig gewesen. Du kennst mich doch. Kannst du dich noch erinnern, wie ich mir die heiße Kirschmarmelade übergegossen habe? Mir
passieren immer solche Sachen. Und diesmal bin ich für meine Ungeschicklichkeit bestraft worden.“
“Nein, nein. Und du darfst dich nicht wieder belügen. So war es bestimmt nicht.“
“Doch, mein Junge. Vater ist nicht unrecht. Das musst du mir glauben. Er würde mir nie so etwas Schlimmes und Böses antun. Er hat deine Mutter sehr, sehr
lieb.“
Hans antwortete nicht.
“Und du wirst sehen, alles wird wieder gut. Wir werden bald wieder eine richtige Familie sein. Und alles wird sich zum Guten wenden.“
“Ja, das wird es“, sagte Hans.
“Und versprich mir, dass du bis dahin keine Dummheiten machst. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Kümmere dich um Vater. Sei nett zu ihm. Und
pass auf Tim auf. Das tust du doch?“
“Ja, das tue ich.“
Er küsste Mutter auf den Verband, wo ihre Wangen waren. Dann ging er. Sie war noch sehr schwach und ermüdete schnell. Endlich konnte sie den Schlaf
nachholen, den sie die letzten Jahre vermisst hatte.
Der Abschied war ihm nicht leicht gefallen, aber er hatte sich zusammengerissen, um sich nichts anmerken zu lassen. Draußen vor der Tür konnte er die
Tränen nicht mehr unterdrücken. Dass er Mutter in Erinnerung behalten würde, krank und eingepackt wie eine Mumie, schmerzte und kümmerte ihn.
Hans dachte zurück an die Nachmittage, an denen Mutter für ihn Kuchen gebacken und sie zusammen Kaffee getrunken hatten. Das hieß, sie trank Kaffee und er
musste sich mit Muckefuck begnügen. Diese Nachmittage hatte er geliebt und genossen. Sie waren das, wenn er zurückdachte, woran er sich am liebsten
erinnerte: Mutter und er beim Kaffeetrinken.
Mutter erzählte von ihrer Kindheit. Und er hörte ihr zu. Und sie hatte ihm gebeichtet, dass sie in der Schule auch nicht die beste Schülerin gewesen wäre.
Aber Hans sich daran kein Vorbild nehmen dürfe. Und dann lachte sie. So wie kein anderer Mensch lachen konnte. Sie lachte wie ein junges Mädchen. Und dann
kam ihm Mutter überhaupt nicht mehr groß und erwachsen vor. Und das war sie im Grunde auch nicht.
Mutter würde noch mindestens sechs Wochen im Krankenhaus liegen müssen und mindestens noch einmal solange zur Kur fahren. Sie brauche viel Ruhe und
Erholung. Um die Kinder müsse sich solange der Vater kümmern. Das sagte ihm der Stationsarzt, der ihn über seine schwarze Hornbrille hinaus mitleidig
ansah.
Dies hieß mit anderen Worten, dass Mutter erst im Herbst wieder nach Hause kommen würde. Und das war gut. Solange sie nur von Vater weg war. Sollte der
doch sehen, wie er alleine zurecht kam. Nicht einmal einen Knopf konnte der sich annähen. Gerade zum Kaffeekochen reichte es. Sollte er doch zu seinen
Kneipenflittchen gehen mit denen er herum schmuste. Hans hatte so eine aufgetakelte Brünette kennengelernt, die war ihm wie wild mit beiden Händen durch
die Haare gefahren, was er nicht ausstehen konnte, und mit ihrem grellrot geschminkten Mund seine Wangen mit Küssen verunstaltet, sodass er sich danach
eine viertel Stunde das Gesicht gewaschen hatte. Außerdem stank sie nach Schnaps und blumigen Parfüm.
Als Hans zurück zur Hütte kam, stand sein Entschluss fest, dass sie am nächsten Morgen die Stadt verlassen. Noch eine Nacht würden sie in der Hütte bleiben
und dann aufbrechen.
Hinter ihnen lag die Stadt und vor ihnen die weiten Wälder. Die Bäume ragten hoch in den Himmel hinein und weit entfernt lag im Morgennebel der breite
Fluss. Und die Wolken zogen westwärts.
Sie nahmen die Abkürzung durchs Unterholz zwischen dem oberen und dem unteren Tal. Das war der beste Weg den Hans kannte und auch der kürzeste.
Die Rücksäcke, die sie trugen, wogen schwer. Ihre Habseligkeiten steckten in ihnen. Und Hans trug eine ganze Strecke auch Tims Rucksack.
Auf der Landstraße würden sie einen Lastzug finden, der sie ein Stück mitnahm. Die Sommerferien standen bevor. Und niemanden würde auffallen, dass sie
Ausreißer waren.
Es war viertel eins, als sie in einem mit Buchenholz beladenen Lastzug saßen. Hans auf dem Beifahrersitz und Tim in der Koje hinter dem Fahrer. Nach nur
ein paar Kilometer schlief Tim. Hans deckte ihn mit seiner grauen Jacke zu. Tim sah Mutter sehr ähnlich, wenn er so dalag und schlief. Er hatte ihre Nase
und ihre feinen Gesichtszüge. Und die schöne dunkle Farbe ihrer Haare. Wem er wohl ähnlich sah? Er hoffte nicht dem Alten. Das hätte er nicht gewollt. Und
wenn er in den Spiegel blickte, erkannte er auch zu seiner Erleichterung nicht die geringste Gemeinsamkeit und Ähnlichkeit. Nicht einmal ihre Haarfarbe war
die gleiche.
Die Sonne brannte und die Luft flimmerte bläulich auf der Straße. Es roch nach heißem und trockenem Asphalt.
Der Fahrtwind wehte durchs Seitenfenster, aus dem Hans den Arm hielt, und blies ihm die Haare aus dem Gesicht. Er liebte es den Wind auf seiner Haut zu
spüren.
Der Fahrer wischte sich mit dem Handrücken die Krümmel seines Käsebrotes aus dem schwarzen Schnauzer, der ihn wie ein Zigeuner aussehen ließ und lachte
Hans zu. Die kleinen schwarzen Augen erinnerten ihn ein wenig an den Alten. Aber sonst hatten sie keine Ähnlichkeit miteinander. Mit einem Höllentempo
raste der Zigeuner die Landstraße hinab, dass die Holzbalken auf der Ladefläche munter auf- und absprangen.
An der Abzweigung zur Autobahn setzte er die beiden ab. Und fuhr in Richtung Osten weiter. Das nächste Dorf läge nicht weit entfernt. Sagte er. Sie müssten
es bis zum Abend schaffen.
“Du, Hans, können wir uns nicht ausruhen? Mir tun die Füße weh und ich habe Hunger.“
Hans blieb stehen und blickte sich um. Dann ging er auf einen Baumstamm zu, lud den schweren Rucksack ab und setzte sich. Und Tim tat es ihm gleich.
“Tun sie sehr weh?“
“Ich glaube, ich habe mir eine Blase gelaufen.“
“Zeig mal!“
Tim zog den rechten Schuh und die Socke aus. Die Haut an den Fersen war aufgescharrt und rot. Und an der Fußsohle war eine Fünfmarkstück große Blase.
Hans fummelte sein Taschenmesser aus der Hosentasche und reichte es Tim.
“Schneid sie auf und dann klebe ich dir ein Pflaster drüber.“
“Nein, dass kann ich nicht. Mach du es.“
Und Hans schnitt die Blase auf und helle Flüssigkeit tropfte heraus. Dann schnitt er zwei Stück Pflaster ab und klebte das eine auf die Fußsohle und das
andere auf die Ferse.
“So, damit kannst du um den ganzen Erdball laufen.“
Tim stülpte sich vorsichtig die Socke über und zog den Schuh wieder an. Dann nahm er das Stück Brot, dass Hans ihm reichte und biss hungrig hinein.
Es war die erste Mahlzeit die sie seit dem Morgen zu sich nahmen. Sie mussten das nächste Dorf noch vor Eintritt der Dunkelheit erreichen.
Hans stand auf und stieg einen kleinen Hügel hinauf und sah sich um. Rundherum nur Wald. Nichts als Bäume, soweit das Auge reicht und nichts von einem Dorf
zu sehen. Hatte sich der Zigeuner geirrt, als er ihnen zeigte, in welche Richtung sie gehen mussten um ins nächste Dorf zu gelangen.
Hans ärgerte sich am meisten über sich selbst: er hatte vergessen eine Landkarte einzupacken. Aber daran konnte er nun auch nichts mehr ändern. Er musste
der Wegbeschreibung des Zigeuners vertrauen. Und hoffen, dass der sich hier auskannte. Er selbst kannte sich in der Gegend nicht aus.
Er stieg wieder zu Tim hinab. Und sie luden ihre Rucksäcke auf und gingen weiter. Nach einer Weile kamen sie an eine schmale Fußbrücke die über einen
vertrockneten Flusslauf führte. Sie waren auf dem richtigen Weg. Der Zigeuner hatte sie doch richtig geschickt.
“Hans, dauert es noch lange?“
“Nicht mehr lange, Tim. Halt durch. Wir haben es bald geschafft. Es ist bestimmt nicht mehr weit.“
Hans wusste, dass sie jetzt erst die Hälfte der Wegstrecke hinter sich hatten. Ab der Brücke war der Weg nochmal so weit, hatte ihm der Zigeuner gesagt.
Aber das wollte er Tim nicht sagen, der nur mühsam und schwerfällig mit seinem wehen Fuß seinem Schritt standhielt. Hans ging einen Schritt langsamer.
“Du bist es doch nicht leid, dass ich mitkomme?, fragte Tim.“
“Nein. Ich bin froh, dass du bei mir bist“, antwortete Hans.
“Dann will ich auch nicht klagen.“
Hans nahm Tim den Rucksack ab und hängte ihn sich vor die Brust.
“Jetzt geht es besser.“
“Weißt du schon, Hans, wo wir schlafen werden?“
“Das werden wir sehen. Mach dir darüber keine Gedanken. Ich werd schon was finden. Und wenn nicht, dann schlafen wir unter dem freien Himmel. Es ist warm
genug.“
“Aber lieber wäre mir ein Bett.“
“Nun, dann werde ich eins für dich auftreiben. Mal sehen was ich für dich tun kann.“
Bei Einbruch der Dämmerung erreichten sie endlich das Dorf. Es war menschenleer und das einzige Geschäft, ein kleiner Lebensmittelladen, hatte geschlossen.
Ein einzelner Traktor fuhr die Straße hinab. So seelenlos mussten die Dörfer ausgesehen haben, als der schwarze Tod wütete, dachte Hans. Er kannte die
traurige Geschichte von dem Liebespaar, das während der Pest alleine in einem verlassenen Dorf lebte, solange bis auch das Weib dahingerafft wurde. Am
Schluss hatte der Mann das ganze Dorf angezündet und war weitergezogen.
Sie folgten ein Stück der Hauptstraße aus dem Dorf hinaus und legten sich zum Schlafen in einen alten Heuschober. Es sah nicht nach Regen aus. Der Himmel
über ihnen war sternenklar.
“Denkst du die Bullen sind hinter uns her?“
“Kommt drauf an, ob der Alte eine Vermisstenanzeige aufgegeben hat. Aber dann muss er auch einiges erklären...“
“Du meinst er lässt sich Zeit?“
“So in etwa.“
“Und wenn er die Bullen auf uns hetzt, meinst du sie finden uns?“
“Nein. Die sind für zu blöd für so was. Außerdem gehen wir nicht die Landstraßen entlang. Hätte ich den Alten umgebracht, dann hätten sie mir eine ganze
Meute Hunde hinterher gehetzt. Aber so! Und um zwei Ausreißer kümmern die sich nicht. Denen sind wir nicht wichtig genug. Und solange wir uns nicht auf den
Hauptverkehrswegen herumtreiben finden sie uns auch nicht, falls sie doch nach uns suchen.“
“Da können wir von Glück reden, dass du Vater nicht umgebracht hast.“
“Glück würde ich das nicht nennen ...“
“Aber du bist froh das er nicht tot ist?“
“Ja“, sagte Hans. Und ließ sich nach hinten ins weiche Gras fallen und legte den rechten Arm unter den Kopf. Er drehte einen Grashalm im Mund hin und her.
“Das wusste ich.“
“Ach, ja?“
“Du bist kein schlechter Kerl.“
“Wenn du das sagst.“
“Das tue ich.“
“Dann ist alles in Ordnung.
“Denkst du manchmal an Mutter?“
“Ja. Und du?“
“Ich auch. Ich vermisse sie. Hoffentlich ist sie bald wieder gesund.“
“Das wird sie. Sie muss nur Geduld haben.“
“Willst du wirklich nie wieder zurück?“, fragte Tim.
“Lass uns über etwas anderes reden.“
“Wenn du willst, Hans.“
“Ja. Das will ich.“
Tim steckte den letzten Löffel mit Nudeln in den Mund und schleckte ihn ab.
Und Hans stand auf und schüttete Erde auf die Feuerstelle.
“Wir müssen vorsichtig sein, dass niemand das Feuer sieht. In der Dunkelheit verrät es uns leicht. Und pack die leere Dose weg und den Öffner. Das Geschirr
können wir morgen früh im Bach abwaschen, bevor wir weitergehen.“
“Ja, mache ich.“
“Und morgen müssen wir sehen, dass wir einen Laden finden. Wenn du so weiter isst, wie ein hungriger Wolf, müssen wir bald hungern. Unser Geld reicht
kaum.“
“Wir könnten doch ein paar Dosen klauen, das spart uns 'ne Menge Geld. Und die Händler haben sowieso genug. Denen fällt doch überhaupt nicht auf, wenn
ihnen die eine oder andere Dose Ravioli fehlt. Du lenkst die Kassiererin ab und ich schleiche mich hinter dir vorbei. Das geht ganz leicht.“
“Nein, das ist keine gute Idee. Am Schluss erwischen sie dich oder die Bullen sind uns wegen Diebstahls auf den Fersen. Und du weißt, die verstehen keinen
Spaß. Sie sind zwar blöd, aber sie verstehen keinen Spaß.“
“Die sollen nur kommen, denen poliere ich die Nase.“
“Das glaube ich dir“, lachte Hans.
“Aber wovon sollen wir unsere Lebensmittel kaufen, wenn wir kein Geld mehr haben?“
“Darüber mach du dir keine Gedanken. Mir fällt schon was ein. Du wirst schon noch nicht verhungern. Und für eine Weile reicht ja noch unser Geld. Und
außerdem können wir jobben.“
“Du meinst arbeiten?“
“Warum nicht? Jobs finden wir auf jedem Bauernhof um diese Zeit. Die Ernte steht bevor. Und zupacken kannst du doch?“
“Das will ich meinen.“
Sie breiteten ihr Wolldecken zum Schlafen aus und legten sich hin. Hans sah nach oben zum Himmel. Die Sterne schwebten wie goldene Münzen über ihnen. Er
dachte an das Märchen von den Sterntalern. Vielleicht würden in der Nacht, während sie schliefen, ein paar Sterntaler auf sie hernieder rieseln. Aber das
gab es nur in Märchen. Im wirklichen und richtigen Leben war man auf sich alleine gestellt.
“Vater sagt, dass Mutter daran schuld ist.“
“Woran?“
“Das sein Leben so beschissen ist.“
“Soso, dass sagt er.“
“Tut mir leid, Hans, wenn ich wieder davon anfange. Aber ich muss dir was erzählen, was ich nicht verstehe.“
“Was denn, Tim?“
“Vater hat mit mir geredet. Und da war er schon ganz schön betrunken. Du weißt doch, dass er mit auf dem Fußballturnier war, dass unsere Jugendmannschaft
letztes Wochenende hatte.“
“Ja, ich weiß.“
“Er hatte mit den anderen gefeiert und auf dem Nachhauseweg hat er mir sein Leid geklagt. Dass er der unglücklichste Mensch auf der Welt sei.“
“Und warum ist er unglücklich?“, fragte Hans mürrisch.
“Er sagt, dass er sein Leben verschwendet hätte. Das sein ganzen Leben vermurkst sei. Das er niemals hätte tun können, was er sich immer erträumt und
gewünscht hätte.“
“Und was wäre das, hat er dir das gesagt? “
“Er wäre gerne zur See gefahren. Er wäre gerne Seemann geworden, weil er das Meer so sehr liebe. Und viele Länder hätte er dann gesehen und sich nicht mit
Frau und Kinder herumplagen müssen. Wie er es jetzt tun müsse. Er sei ein schrecklich armer Teufel.“
“Und warum ist er dann nicht Seemann geworden? Mir wäre manches erspart geblieben.“
“Es sagt, daran bist du schuld! Du und Mutter. Ihr zwei hättet ihm das Leben verdorben und ihn um sein Glück gebracht, dass er ohne euch gefunden hätte.“
“Ich?“
“Ja! Weil er Mutter hätte heiraten müssen. Das er Mutter nicht hätte im Stich lassen dürfen, weil das kein anständiger Mann macht in so einer Situation.
Nur Schweinehunde würden das tun. Und er sei halt ein anständiger Mensch und kein Schweinehund und Lumpensack, der sich einfach aus dem Staub gemacht
hätte. Gereut hätte es ihn aber immer. Ich verstehe das nicht, was er damit gemeint hat. Kannst du mir sagen, was er damit meint: das ein Mann eine Frau in
so einer Situation nicht im Stich lässt?“
Hans wusste nur zu gut was Vater damit sagen wollte. Er war im Oktober geboren und die Eltern feierten ihren Hochzeitstag im Juni. (Wenn der Alte ihn nicht
wieder einmal vergaß.) Und sie waren solange verheiratet, wie alt er war: fünfzehn Jahre. Aber das wollte er nicht Tim sagen. Mit seinen zwölf Jahren, war
Tim noch viel zu jung, um das zu verstehen.
Hans verstand. Aber ohne zu verstehen, dass er Schuld sein sollte an dem Unglück des Alten. Doch es war vielleicht wirklich der Grund, warum der Alte ihn
grundlos verprügelt hatte. Und dann war der Grund genauso vorgeschoben und verlogen und hinterhältig, wie die ganze Welt der Erwachsenen. Was konnte er
dafür, dass er auf der Welt war? Nichts! Dafür war er nicht zuständig. Und er kannte weiß Gott niemanden der etwas dafür konnte, dass er auf dieser von
erwachsenen Menschen übervölkerten Welt lebte! Mit dem Älterwerden kamen Probleme auf einen zu, die nicht leichter wurden. Und die Welt der Erwachsenen war
überhaupt nicht zu verstehen.
“Und hast du eine Ahnung? Weißt du, was Vater damit sagen wollte?“
“Nein, Tim. Vater war betrunken und hat dummes Zeug daher geredet. Du kennst ihn doch, wenn er trinkt erzählt er irgendwelchen Unsinn und
Schauergeschichten. Und überhaupt, kannst du dir den Alten als Seemann vorstellen?“
“Nein, wirklich nicht! Er kann doch noch nicht einmal schwimmen! Und dann will er zur See!“
“Und erinnerst du dich, als er Mutter anrief und ihr erzählte, dass die Brücke eingestürzt sei, und deshalb nicht nach Hause könne, und das alles, um mit
seinen Freunden die Nacht durchzufeiern? Eine Woche später ist er mit uns im Auto über dieselbe Brücke gefahren.“
“Ja, daran erinnere ich mich noch gut.“
“Du glaubst, dass er mich angelogen hat?“
“Das hat er.“
“Ja, das denke ich auch. Er hatte nur ein schlechtes Gewissen, weil er dich andauernd verprügelt. Und ich ihn danach gefragt hatte. Die Erwachsenen sind
leicht zu durchschauen.“
“Das sind sie, Tim.“
“Du kannst Vater nicht leiden, stimmt's?“
“Er gibt sich alle Mühe. Das ist alles. Und lass uns jetzt schlafen. Ich bin müde.“
“Ja.“
“Und morgen besorge ich uns eine Landkarte. Und vielleicht muss ich dann doch noch auf deinen Vorschlag zurückkommen. Obwohl es Mutter sicher nicht gerne
sehen würde.“
“Was meinst du?“
“Du weißt schon: das mit dem Geld für die Lebensmittel einsparen. Und so. Aber ich muss mir die Sache noch durch den Kopf gehen lassen.“
“Sag ich doch. Manchmal hab ich auch ganz gute Ideen.“
“Ja, die hast du. Aber jetzt schlaf.“
Das mit dem Proviant besorgen klappte leichter als Hans dachte. Und auch ein schlechtes Gewissen bekam er nicht. Die Landkarte war viel teurer als
er gedacht hatte. Und ihre Barschaft verringerte sich nicht unerheblich.
“Das ist die freie Marktwirtschaft“, grinste der Verkäufer. “Kauf sie oder verschwinde. Und halte mich nicht auf. Ich habe weder Zeit noch Lust, um mich
mit Kinkerlitzchen aufzuhalten.“
Der Ladenbesitzer war ein kleiner pomadiger Stinkstiefel, dessen Finger sich nach Wasser und Seife sehnten. Und eine Krämerseele wie sie im Buche stand.
Obwohl Hans und Tim zuerst im Laden waren, bediente er die zwei Kundinnen die nach ihnen den kleinen Laden betraten. Mit der einen, einer großen dürren
Brünetten mit Eulengesicht, tat er freundlich; und bei der anderen, mit einer Oberweite, die Hans an überreife Melonen erinnerte, die aus einem hautengen
gelben Pullover herauszuspringen drohten, überschlug er sich. Aber dass der Ladenbesitzer sie nicht beachtete, machte die Sache umso einfacher für Tim. Und
als Hans den Laden verließ, hatte Tim Vorräte für die nächsten Tage eingesammelt. Selbst schuld, dachte Hans und gab Tim einen freundschaftlichen Klaps auf
den Rücken. Mit dem Proviant hatten sie die Karte dreimal wieder raus.
Und sie marschierten weiter den Weg in Richtung Süden.
Die Sonne schien und der Himmel war so dunkelblau wie das Meer. Wenn der Tag so endet, wie er angefangen hatte, dann würde es ein guter Tag werden.
Und die darauf folgenden auch.
Die Tage vergingen, wie all die davor gewesenen. Sie mieden die Städte und marschierten auf alten Waldwegen und Forstwegen, die die kleinen Dörfer
miteinander verbanden und erfrischten sich in Bächen oder in kleinen Waldseen, die auf ihrem Weg lagen.
Das freie und ungebundene Leben gefiel Hans von Tag zu Tag besser. Und er wunderte sich, weshalb so abfällig und naserümpfend das Vagabundieren da draußen
in der Welt bedacht und angesehen wurde. Er konnte sich gut vorstellen von nun an ein Leben lang immer durchs Land zu ziehen. Es war allemal besser als die
harte Schulbank zu drücken und sich zu Hause verprügeln zu lassen. Und in jedem Nest gab es eine Krämerseele - war scheinbar die Welt voll davon - die
Grund genug gab, dass ihm kein schlechtes Gewissen plagte.
Die Welt der Erwachsenen war überall gleich: sie war voller Ungerechtigkeit und Herablassung. Und dagegen durften er und Tim sich zur Wehr setzen. Das
hatte er in den Büchern gelesen. Alle Helden hatten sich im Grunde gegenüber den Herrschenden und Tyrannen dadurch widersetzt und durchgesetzt, weil sie
nicht den menschlichen Gesetzen und Regeln folgten, sondern ihrer inneren Stimme gefolgt waren. Der Stimme ihres Gewissens und Herzens. Und deshalb waren
sie auch zu Vorbildern und Helden geworden. Dass die Wirklichkeit anders aussah, dass die Heldenverehrung nur denen galt, die die Erwachsenen bestimmten
und die vornehmlich längst tot waren, hatte er leidvoll und schmerzlich erfahren. Er hatte den Religionslehrer vor der Klasse der Lüge bezichtigt, weil der
behauptet hatte, dass Kinder, die mit einem Gebrechen auf die Welt kommen, die Schuld der Eltern in sich trügen. Die Erbsünde ihrer Eltern. Daraufhin war
er aufgestanden und hatte gesagt, dass Gott doch gutherzig und barmherzig sei und Gott es niemals zulassen würde, ein unschuldiges Kind leiden zu lassen,
weil das doch grausam und gemein sei. Doch Gott würde die Eltern für ihre schweren Sünden bestrafen, denn er sei zwar ein guter und gerechter, aber auch
strenger Gott, der unbarmherzig die Sünder bestrafen würde, hatte der Lehrer geantwortet. Dann wolle er von diesem bösartigen Gott nichts mehr wissen,
sagte Hans. Daraufhin hatte ihn der Religionslehrer geohrfeigt und - mit seiner und der Autorität des Rektors, den er zur Hilfe rief – niedergebrüllt. Und
er war nur knapp einem Schulverweis entgangen. An diesem Tag hatte Hans Gott verlassen. Und er war nie wieder in den Religionsunterricht gegangen. Das war
das einzige Mal, dass ihm der Alte beigestanden hatte, als er dem Pfaffen Prügel androhte, wenn er noch einmal seinen Sohn anfassen würde. Der Alte hat mit
der Kirche nichts am Hut. Er ist schon lange aus der Kirche ausgetreten. Die Prügel brauchte der Alte dem Pfaffen nicht zu verpassen, der kam in den
Sommerferien bei einem Bergunglück ums Leben. Stürzte aus zweihundert Meter in die Tiefe. Und das hieß Hans ein wenig hoffen, dass es doch eine
Gerechtigkeit gab und am Ende vielleicht sogar einen gerechten Gott.
Nach einer Woche Wanderschaft wurden die Wege immer beschwerlicher und die Berge ragten immer weiter und höher in den Himmel. Der Horizont lag nicht mehr
offen und weit vor ihnen, sondern verbarg sich irgendwo hinter Felsen und Matten und Bäumen. Und auch die Bachläufe trockneten mehr und mehr aus je höher
sie stiegen. An den ausgespülten Ufern glänzten die vom Wasser herausgespülten und angehäuften Steine silberweiß in der Sonne und die Luft roch nach
trockenem Tannenholz.
“Gehen wir noch lange? Die Sonne bringt mich um. Ich schwitze schon wie ein Brunnenputzer.“
Schwitzen wie ein Brunnenputzer
, das war auch so ein geflügeltes Wort, das Tim aus der Glotze aufgeschnappt hatte, wie auch dieses alberne geht schon.
Hans blieb stehen und holte die Karte aus der Tasche. Er sah auf die Karte, blickte sich um, blickte auf die Anhöhe die vor ihnen stand.
“Nein, Tim“, sagte Hans. “Aber über den Berg müssen wir noch. Dahinter liegt ein kleines Nest. Da können wir übernachten. Du wirst es doch bis dahin
schaffen?“
“Geht schon.“
“Schön.“
Tims Sonnenbrand auf der Nase hatte inzwischen dunkelrote Farbe angenommen. Und auch auf seinem Kopf glänzte es immer röter. Hans knotete sein Taschentuch
an den vier Ecken zusammen und setzte es ihm auf.
Dann nahmen sie den schmalen Pfad bergwärts.
“Darf ich dich was fragen, Hans?“
“Red.“
“Es ist nicht so dass -“
Tim blieb stehen.
“Spuck's aus!“
“Hast du dir das mit Südamerika überlegt?“
“Nein noch nicht. Außerdem brauchen wir dafür eine Menge Geld. Umsonst nehmen sie uns nicht mit.“
“Wir könnten auf einem Schiff anheuern und auf der Überfahrt arbeiten.“
“Möglich.“
“Du und ich könnten in der Kombüse arbeiten. Oder im Maschinenraum. Arbeit gibt es doch auf so einem großen Schiff immer.“
“Ja, das stimmt.“
“Also versuchen wir es?“
“Mmm. Ich muss darüber nachdenken.“
Sie gingen weiter.
“Aber nicht zu lange! Ja?“
“Ich werde mich bemühen. Aber zunächst gehen wir erstmal in Richtung Süden weiter.“
“Wo das Meer ist?“
“Ja, das Meer. Und wenn wir am Meer sind, dann sehen wir weiter.“
“Ans Meer wollte ich schon immer . Wenn ich nur ans Meer denke, bekomme ich Fernweh. All die vielen Länder und Menschen. Später, wenn ich groß bin, werde
ich um die ganze Welt reisen.“
“Du müsstest dich reden hören. Du quatschst schon denselben Unsinn wie der Alte.“
“Liegt an den Genen. Das sagen sie im Fernsehen. Unser ganze Erbmaterial. Alles liegt in unseren Genen. Also, wenn du musikalisch bist, aber dafür mies in
Mathe, dann liegt das an deinen Genen. Und wenn einer kleine Mädchen abmurkst, dann kann er eigentlich nichts dafür - liegt eben an seinen Genen.“
“Und das du soviel dummes Zeug daherredest wohl auch?“
“Kann gut sein“, sagte Tim und lachte. “Aber sag, wann sind wir am Meer?“
“Keinen Schimmer. Aber darauf kommt es auch gar nicht an.“
“Sondern?“
“Das wir gehen.“
Tim sah Hans erstaunt an und rückte dabei das Taschentuch ein Stück tiefer in die Stirn.
“Aha.“
“Ein kluger Mann hat einmal gesagt, dass es nur auf das Gehen ankommt. Alles andere ist unwichtig. Es kommt nicht darauf an, wo dein Ziel ist. Oder ob du
überhaupt ein Ziel hast. Es kommt nur auf das Gehen selbst an. Allein das Gehen zählt.“
“Und du sagst, das hat ein kluger Mann gesagt? Hört sich eher verrückt an!“
“Nein, ist es nicht.“
“Dann lass das mal Mutter hören, wenn sie dich zum Einkaufen schickt und du ohne Lebensmittel nach Hause kommst, und ihr sagst, dass es nicht auf das Ziel
ankommt, sondern nur das du gelaufen bist.“
“So ist das Gehen auch nicht gemeint. Denk einmal darüber nach, dann wirst du den Sinn verstehen.“
“Und woher hast du die Weisheit?“
“Gelesen. In einem Buch.“
“Bücher zu schreiben stell ich mir ziemlich schwer vor. Wenn ich daran denke, wie lange ich brauche um nur eine einzige Seite in mein Heft zu schreiben!
Und Aufsätze kann ich überhaupt nicht schreiben.“
“Geht mir genauso.“
“Einmal sollten wir einen Aufsatz schreiben, welchen Menschen ich am meisten bewundere.“
“Und über wen hast du geschrieben?“
“Über dich!“
“Mich?“
“Ja. Ist dir doch nicht peinlich?“
“Kommt darauf an.“
“Worauf?“
“Auf das, was du geschrieben hast.“
“Nun, ich habe geschrieben, dass ich meinem Bruder bewundere, weil der vor nichts in der Welt Angst hat.“
“Ich habe oft Angst. Mehr als du denkst.“
“Ich weiß. Du redest viel im Schlaf. Aber das braucht niemand zu wissen.“
Tim lachte.
“Nun?“
“Was?“
“Die Lehrer waren nicht begeistert?“
“Nein! Überhaupt nicht!“
“Kann ich mir denken. Die wollten was über die großen Toten lesen, mit denen sie einem im Geschichtsunterricht totschlagen. Aber das sind die
größten und gemeinsten Schurken gewesen. Haben Hunderttausende für sich sterben lassen. Die Welt der Erwachsenen ist heuchlerisch und verlogen.“
“Ich habe mir die Fünf von Mutter heimlich unterschreiben lassen. Vater hätte nur einen mordsmäßigen Aufstand gemacht. Du kennst ihn doch.“
“Ja, war bestimmt besser so.“
“Sag mal, Hans, sind alle Menschen klug, die Bücher schreiben?“
“Ich weiß nicht. Aber ich denke schon.“
“Wirklich alle?“
“Eher nein.“
Sie stiegen die Anhöhe, die sie um die Mittagszeit erreicht hatten, auf der anderen Bergseite über einem schmalen Steg hinab; als sie schließlich in ein
enges Tal kamen, an dessen Eingang ein Bauernhof stand und dahinter das nahe Dorf lag.
Sie traten auf den Hof, wo sie wütendes Hundegebell empfing. Ein junges Mädchen kam aus dem Haus. Sie hatte verdreckte Hosen an und lange blonde Zöpfe und
ging barfuß. Und ihre Hände waren so schmutzig wie ihre Füße. Aber wenn sie lachte waren auf ihrer Wange kleine hübsche Grübchen. Und ihre Augen leuchteten
in der Sonne wie blauer Bergkristall.
“Ihr braucht keine Angst zu haben! Wotan ist ganz lieb. Kommt nur näher! Er ist ganz harmlos.“
Das Mädchen ging zu dem Hund und kraulte sein Fell. Das Vieh verstummte. Trotzdem war Hans froh, als er an der Bestie in gehörigem Abstand vorbeiging, dass
sie jetzt an der Leine lag.
“Woher kommt ihr?“
“Von da hinten“, sagte Hans und zeigte mit dem Daumen über die Schulter nach hinten.
“Und ihr wollt nach da“, lachte das Mädchen und zeigte in die entgegengesetzte Richtung. “Setzt euch in den Schatten. Ich bringe euch was zum Trinken. Ihr
seht durstig aus.“
Sie stellten ihre Rucksäcke ab und setzten sich auf eine kleine Holzbank vor dem Haus. Der Hund döste ausgestreckt in der Sonne, die Schnauze auf der
linken Vorderpfote.
Das erste Glas Zitronenlimonade trank Hans in einem Zug aus. Und das folgende ebenfalls. Und Tim tat es ihm nach. Das Mädchen holte einen frischen Krug.
Hans sah sich um. Ein Schlepper mit Anhänger stand in der Einfahrt zum Maschinenschuppen. Der Schlepper sah neu aus. Das Nebengebäude und die Scheune
standen rechtwinklig zu dem Wohnhaus und seitlich davon stand der Schweinestall mit dem Güllesilo. Ein paar Hühner spazierten über den Hof und in einem
eingezäunten Stück Wiese, rechts von ihnen, tummelte sich ein Dutzend Truthähne und Gänse.
Hans hatte vor zwei Jahren eine Sommerfreizeit auf einem Bauernhof verbracht. Insgesamt zwei Schulklassen die auf verschiedenen Höfen untergebracht waren.
Das ganze war von der Stadt organisiert.
Sie mussten auf dem Bauernhof mithelfen. Die Ställe ausmisten und die Heuernte einfahren. Das Vieh füttern und bei allen anderen Arbeiten die auf einem Hof
anfallen zur Hand gehen. Das hatte ihm gut gefallen. Aber er hatte auch mitansehen müssen, wie Tiere getötet wurden, als der Bauer Hühner und Schweine
schlachtete. Mit einem einzigen Schlag wurde das Federvieh betäubt und ihm dann die Gurgel durchgeschnitten und das warme Blut in einem Blechteller
aufgefangen. Das hatte ihm weniger gut gefallen. Und er hatte für die nächsten Monate auf gegrilltes Huhn verzichtet.
“Ich bin Marie“, sagte das blonde Mädchen und reichte den beiden die Hand.
“Ich bin Hans. Und das ist mein Bruder Tim.“
“Hallo.“
“Seid wohl auf der Durchreise?“
“Ja.“
“Und wohin?“
“Das wissen wir noch nicht.“
“Aber es soll in den Süden gehen - ans Meer“, sagte Tim und in seiner Stimme schwang stolz.
“Ja, da möchte ich auch einmal hin. Das Meer soll wunderschön sein. Habt aber dann noch einen weiten Weg vor euch. Und teuer ist es obendrein, da unten am
Meer.“
“Geht schon.“
“Wir bessern unsere Reisekasse mit Aushilfsarbeiten auf. Du siehst hier zwei tüchtige junge Burschen. Das sind wir doch?“
“Ja“, sagte Tim. “Das sind wir. Und ob.“
“Dann könnt ihr gleich hier bleiben. Eine tüchtige Hand können wir immer gebrauchen.“
Hans zuckte mit den Schultern und drehte das Glas in den Händen hin und her.
“Und bezahlen tut der Vater nicht schlecht. Wir haben den größten Hof im Tal.“
“Ich sehe keine Kühe.“
“Typisch Städter. Die sind um die Zeit oben auf der Alm und kommen erst im Herbst wieder runter. Aber die Arbeit ist schon vergeben. Die übernimmt bei uns
der Toni mit seiner Frau. Also wollt ihr ein paar Tage bleiben?“
Hans sah Tim an und der strahlte.
“Einverstanden.“
“Ich hol nur rasch den Vater her. Damit es abgemacht ist. Fragen muss ich ihn, auch wenn ich am Ende alles in die Hand nehmen muss. So ist er eben.“
Marie stand auf und ging ins Haus. Sie konnte nicht viel älter sein als Hans.
“Das wollte ich schon immer. Du bist ein prima Bruder. Ich wollte keinen anderen - “
“Komm, krieg dich wieder ein. Vielleicht wirst du mich noch verfluchen, weil ich zugesagt habe.“
“Bestimmt nicht.“
“Und wir verschwinden, wenn es uns nicht gefällt. Wir packen unsere Sachen und ziehen weiter.“
“Es wird mir gefallen.“
“Abwarten, Tim. Abwarten.“
Marie kam mit dem Bauer zurück. Der war einen Kopf kürzer als Hans und einen runden Schädel mit Platte. Und seine Augen sprangen abwechselnd von Tim zu
Hans hin und her, als er mit ihnen redete.
“Ihr seid doch keine Landstreicher? Oder elendes Diebesgesindel? Die Zeiten sind schlecht. Und das macht auch die Menschen schlecht. Und so was kann ich
auf meinem Hof nicht gebrauchen. Dass ihr das gleich wisst!“
“Wir sind keine Landstreicher. Und Diebe sind wir auch nicht.“
“Ganz bestimmt nicht.“
“Na, seht auch nicht so aus. Seid noch jung. Geht noch zur Schule, was? Sucht Ferienarbeit? Na, kann ich verstehen.“
“Genau.“
“Ja, Ferienarbeit.“
“Die Arbeit ist nicht leicht. Aber ihr seht kräftig aus. Zupacken könnt ihr doch, was?“
“Ja. Das können wir.“
“Wir scheuen uns vor keiner Arbeit.“
“Na, dann fangt morgen an. Heute ist es zu spät. Marie wird euch die Kammer zeigen und alles andere auch. Wendet euch an sie, wenn ihr Fragen habt. Mehr
gibt es nicht zu sagen.“
Der Bauer drehte sich um und kehrte zurück ins Haus. Von hinten sah er aus wie ein täppischer Braunbär mit viel zu großen blauen Hosen, die am Hintern wie
leere Säcke herunterhingen.
“Nehmt euere Sachen. Ich zeig euch, wo ihr schlafen könnt. Es ist kein vier Sterne Hotel, aber aushalten kann man es trotzdem.“
Sie gingen hinüber zu dem kleinen Anbau an der Ostseite des Bauernhauses und Marie öffnete die Tür. Die Tür war niedrig und man musste sich ducken, um
nicht mit dem Kopf anzustoßen.
“Das ist es. Hoffentlich gefällt es euch. Macht es euch halt gemütlich. Das Bettzeug bringe ich euch später vorbei. Und Handtücher.“
Hans sah sich um. Sie standen in einer niederen rechteckigen Kammer mit zwei Betten an der Wand und mit einem Tisch und Stühlen in der Mitte. Unter dem
Fenster, mit Aussicht auf den Hof, stand ein Sofa und gegenüber ein Schrank.
“Könnte nicht besser sein.“
“Ja. Einfach prima.“
“Und da drüben“, sie zeigte auf eine schmale grün angestrichene Tür, “dahinter ist ne kleine Küche. Da könnt ihr kochen, wenn ihr wollt. Aber eigentlich
bin ich für das Kochen zuständig. Na, ihr werdet nicht verhungern. Wir sehen uns und dann zum Abendessen.“
Nach dem Abendessen legten sie sich müde hin. Es war das erste Mal seit acht Tagen, dass sie in einem richtigen Bett die Nacht verbrachten, auch wenn die
Matratzen weich und durchgelegen waren. Aber es war besser als auf Wiesen und Waldböden zu schlafen oder im Stroh.
“Sie ist nett, Hans.“
“Ja, ... ist sie.“
“Und hübsch.“
“Ja.“
“Hübscher als die meisten Mädchen die ich kenne.“
“Komm, sei still und lass uns schlafen.“
“Hans –“
“Gute Nacht!“
Zur Mittagszeit brachte Marie das Essen zu ihnen hinaus.Sie hatten am Morgen angefangen den Zaun zu reparieren und alte Pflöcke gegen neue auszutauschen.
Die Hälfte der Pflöcke waren morbide und der Zaun musste an mehreren Stellen geflickt und ausgebessert werden. Tim stellte sich geschickter an als Hans
erwartet hatte. Nur einmal hatte er sich den Schlaghammer ans Knie gehauen, aber keinen Mucks von sich gegeben und den Schmerz runtergeschluckt. Hans war
stolz auf seinen kleinen Bruder. Auch dass er trotz der dicken Schwielen an den Fingern weiterarbeitete ohne zu klagen.
Tim zupfte an den Schwielen seiner rechten Hand, als Marie kam und die Verpflegung brachte.
“Das würde ich besser nicht tun“, sagte sie. “Ich werde dir eine Salbe holen und Verband.“
“Soviel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gearbeitet, wie heute an einem einzigen Vormittag.“
“Du bist auch schon uralt“, lachte Hans.
“In ein paar Tagen hast du dich daran gewöhnt.“
“Geht schon.“
“Kann ich noch etwas für euch tun?“
“Nein, alles bestens.“
“Ich sehe, ihr kommt gut voran.“
Das Mädchen stand auf und rüttelte an einem der Pflöcke. Man sah, dass Kraft in ihren Armen steckte, ohne dass sie unweiblich und unförmig aussahen. Und
ihr Haut hatte die gesunde und schöne Farbe, die die Arbeit an der frischen Luft diesem Menschenschlag mitgibt.
“Gute Arbeit. Wenn ihr fertig seid, müsst ihr sie nur noch anstreichen. Die Farbe bringe ich am Nachmittag vorbei.“
Hans nickte und stopfte sich einen Löffel Kraut mit Kartoffeln in den Mund. Das war besser als das Essen aus den Dosen, die sie eingehamstert hatten. Auch
wenn er die Zwiebelstücke zwischen dem Kraut nicht mochte und die Fleischbrocken einen dicken Fettrand hatten.
“Na, dann geh ich wieder und hole die Salbe und den Verband. Und ihr seid heute Abend in die Stube eingeladen. Ihr kommt doch? Es würde Vater und mich
freuen.“
“Dann bis heute Nachmittag.“
“Adieu.“
Marie ging. Ihr Haar schimmerte in der Sonne golden. Hans sah ihr nach. Er bemerkte wie Tim ihn beobachtete und das Gesicht zu einem schrägen Grinsen
verzog.
“Du magst sie“, sagte Tim.
“Sie ist ganz in Ordnung“, murmelte Hans.
“Und sie mag dich.“
“Red nicht. Iss lieber. Es liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns. Und kümmere dich um deine Angelegenheiten.“
Nach dem Abendessen ging Hans hinaus in die laue Sommernacht. Der Sternenhimmel kam ihm heute viel größer und gewaltiger vor als in den anderen Nächten
zuvor.
Er setzte sich auf die Holzbank und zeichnete mit einem dünnen Zweig Linien auf den Boden. Dann verwischte er sie wieder mit den Füßen.
Ob Mutter inzwischen wusste, dass er und Tim ausgerissen waren? Hatte der Alte es ihr gesagt? Vielleicht sollte er ihr einen Brief schreiben und ihr
erklären, warum er fortgehen musste und dass sie sich um ihn keine Sorgen zu machen braucht. Und auch nicht um Tim. Auf Tim würde er aufpassen. Und er
würde ihn auch nach den Sommerferien wieder zurückschicken. Aber wenn sie es noch nicht wusste, würde er sie mit dem Brief nur in helle Aufregung
versetzen. Und das wollte er nicht. Sie musste gesund werden.
“So nachdenklich?“
Hans drehte sich um. Er hatte Marie nicht kommen hören. Sie stand hinter ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter.
“Mmm.“
“Störe ich?“
“Ich brauche nur frische Luft.“
“Ich weiß, Vaters Zigarren stinken fürchterlich.“
Marie setzte sich neben Hans und streckte ihre braungebrannten Beine aus. Erst jetzt bemerkte er, dass sie ein Kleid anhatte und keine Jeans wie üblich.
Ihr Haar war zu einem Zopf zusammengebunden. Sie sah wie eine Frau aus. Nicht mehr wie ein Mädchen.
“Du und Tim, ihr seid von zu Hause ausgerissen?“
Hans nickte.
“Und jetzt plagt dich das Heimweh?“
“Nein. Kein Heimweh. Ich musste nur an Mutter denken. Sie liegt im Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut. Die Ärzte sagen, es dauert bis zum Herbst, dass sie
wieder nach Hause kann. Sie hatte einen schweren Unfall.“
“Mit dem Auto?“
Hans schüttelte wieder den Kopf.
“Nein, nicht mit dem Auto.“
Seine Stimme klang verbittert.
“Und deine Mutter? Ich hab die Bäuerin noch nicht gesehen. Ist sie fort?“
“Sie ist tot.“
“Tut mir leid.“
“Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Von einem Tag auf den anderen. Seitdem ist Vater ein anderer Mensch. Und ich muss mich um die Arbeit auf dem Hof
kümmern. Er sitzt nur noch den ganzen Tag in der Stube und liest in der Bibel. Als ob das was helfen würde. Und an mir bleibt die ganze Arbeit hängen. Und
seit der Knecht weggelaufen ist, weil er mit dem Bauer über Kreuz lag, wegen der Religion, denn der Anton ist Atheist und pfeift auf die Kirche, ist es
umso schlimmer.“
“Du kannst dich auf uns verlassen.“
“Vater ist nicht einfach. Andauernd macht er Probleme. - Und wie sieht's mit deinem aus?“
“Nix als Probleme.“
“Du bist wegen ihm fort?“
“Reden wir nicht. Väter und Söhne können nicht miteinander. Weiß der Teufel weshalb, aber es ist so. Vielleicht sieht der eine im anderen, was er verpasst
hat im Leben und der andere, was ihm verwehrt bleibt.“
“Klingt verwirrt.“
“Das ist es auch“, sagte Hans und starrte auf den Boden. “Das ist es. Das Leben ist ein einziges Durcheinander, bei dem man ewig und immer den Anfang
sucht, um vorwärtszukommen. Und hat man den Anfang gefunden und rollte ihn ganz langsam auf, dann stößt man irgendwann an das nächste Durcheinander und
alles fängt von vorne an.“
“Und Tim?“
“Tim schicke ich nach den Sommerferien nach Hause. Mutter soll nicht beide Söhne verlieren.“
“Und du?“
“Weiß nicht. Wenn die Arbeit hier erledigt ist, ziehe ich weiter. Immer Richtung Süden. Da wo die Sonne scheint. Tim sagt, dass Südamerika ein guter Platz
zum Leben ist. Mal sehen.“
“Nimm mich mit, Hans.“
“Dich?“
“Ja. Ich will weg von hier. Da draußen wartet die Welt. Nicht hier in diesem öden und verlassenen Tal. Hier erdrückt mich alles -, engt mich alles ein.“
“Aber dein Vater! Du kannst ihn doch nicht alleine lassen!“
“Der spielt ohnehin mit dem Gedanken sich einer frommen Laienbruderschaft anzuschließen. Und ich will hier nicht auf dem Hof versauern.“
“Du willst den Hof aufgeben?“
“Es ist nichts, woran ich hänge. Und wenn ich gehe, dann nehme ich Vater nur eine Last von den Schultern. Er wird mich nicht vermissen.“
“Wie kannst du so etwas sagen!“
“Ich weiß es. Vater hat nur Mutter geliebt. Und meinen Bruder Franz. Aber der ist bei Baumfällarbeiten vom Blitz erschlagen worden. Franz hätte den Hof
geerbt. Und ich hätte gehen müssen. So ist der Brauch.
Oder einen Bauern heiraten. Aber ich will keinen Bauern heiraten.“
“Dein Vater braucht dich.“
“Er hat seine Bibel und Gott.“
“Das ist nicht viel.“
“Nimm mich mit, Hans! Bitte! Und Geld habe ich auch. Und Schmuck von Mutter, den wir verkaufen können. Das macht alles einfacher. Du wirst sehen.“
“Ich werde es mir überlegen, Marie.“
“Das tust du?“
“Ja, Marie.“
“Versprochen?“
“Ja.“
“Du bist lieb, Hans. Du wirst es auch nicht bereuen.“
Sie legte ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.
Hans lag wach im Bett. Mitternacht war lange vorbei. Die Bettdecke hatte er von sich geworfen. Er konnte nicht schlafen. Die Küsse brannte noch immer auf
seinen Lippen und er spürte noch immer ihre weichen Brüste auf seiner Brust. Er hatte noch nie auf diese Weise ein Mädchen geküsst und noch nie das getan,
was sie ihm versprochen hatte immer zu tun, wenn er sie nur mitnehmen würde. Das war das Schönste, was er bisher erlebt hatte.
Und doch stand nunmehr sein Entschluss fest. Lange hatte er gegrübelt und nachgedacht. Hatte das eine mit dem anderen einander abgewogen, was ihm sein
Verstand sagte und riet, mit dem was ihn verlangte und was er begehrte.
Er stand auf und zog Hemd und Hose an und ging an Tims Bett. Der schlief tief und fest. Hans rüttelte ihn wach.
“Was ist los? Müssen wir schon aufstehen? Es ist doch noch stockdunkel draußen“, sagte Tim schläfrig.
“Nein, wir verschwinden! Komm steh auf und zieh dich an!“
“Verschwinden?“
“Ja! Und zwar schnell!“
“Bist du verrückt geworden?“
“Nein! Aber jetzt raus aus dem Bett!“
Hans riss ihm die Decke vom Bett und Tim steckte verschlafen die Beine in die Hose und zog das Hemd über.
“Was ist denn passiert?“
“Später. Ich erzähl dir alles später. Aber nun vorwärts. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
“Ja. Ja. Du Sklaventreiber ich mach schon. Aber ich finde es trotzdem nicht in Ordnung. Marie und den Bauer im Stich zu lassen.“
“Das tun wir nicht.“
“Ach, wie nennst du das, wenn wir hier so still und heimlich, mitten in der Nacht, unsere Sachen zusammenpacken und uns davonstehlen, wie Diebe in der
Nacht? Außerdem bekommen wir noch unseren Lohn. Wenn ich nur an meine armen Finger denke.“
“Maul nur, wenn es dir hilft!“
“Wir können doch nicht einfach verschwinden. Was wird Marie von uns denken, dass wir sie im Stich lassen?“
“Sie versteht es.“
“Und ich dachte, du hättest etwas für sie übrig.“
“Hab ich auch ...“
“Und sie mag dich. Das habe ich gleich gemerkt, als wir hier auf den Hof kamen.“
“Ich weiß.“
“Dann weiß ich nicht...“
“Genau das ist das Problem.“
“Problem?“
“Na schön, ich werde es dir sagen: Marie will, dass ich sie mitnehme, wenn wir von hier verschwinden.“
“Ist doch eine prima Idee! Ich weiß nicht, was du hast. Ich würde Marie sofort mitnehmen.“
“Aber ich nicht...“
“Und warum?“
“Das verstehst du nicht, Tim. Das verstehst du noch nicht. Aber du musst mir vertrauen. Und das tust du doch? Du vertraust mir doch?“
“Ja – “
“Also, dann lass uns verschwinden. Bist du soweit?“
“Ja.“
Als die Sonne im Morgengrauen über den Bergen aufging, standen Hans und Tim auf der anderen Seite des Tals auf der ersten Anhöhe. Klein und schmal lag das
Tal unter ihnen, eingebettet zwischen schroffem Fels und grünen Matten. Dunst lag über den Bergwiesen. Hans warf einen letzten Blick hinab ins Tal.
In Maries Zimmer ging das Licht an.
Hans drehte sich um. Und dann gingen sie weiter in Richtung Süden.
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© 2016 Hartmut Altz